Tag Archives: Demoskopie

Landtagswahlen in Niedersachsen 2017 (2): Ausgangslage und Umfragen

In diesem Beitrag sehe ich mir ganz klassisch an, wie Niedersachsen in der Vergangenheit gewählt hat und wie die aktuelle Umfragesituation aussieht. Das Land war geprägt von einem enormen Zuwachs für die SPD unter Gerhard Schröder und einem katastrophalen Rückgang unter seiner Kanzlerschaft. Kandidat 2003 war übrigens Sigmar Gabriel.

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Bundestagswahl 2017 (2): Die “kleinen” Parteien damals und heute

Da bereits das bloße Erwähnen von “Das Rennen um Platz 1 ist längst entschieden” mauerparkähnliche Abnutzungserscheinungen zeigt, widmet sich dieser Artikel direkt der zweiten Gruppe der Stimmenanteile. 2013 war es ein mittlerer Schock, dass die FDP eben nicht nur ihre 1998-Malaise erneut erlitt, sondern tatsächlich zum ersten Mal in der Geschichte der Republik nicht in den Bundestag einziehen konnte. Die AfD verfehlte die Hürde ebenfalls knapp – hier war die Überraschung aber geringer (siehe meinen kurzen Beitrag zur Wahl dereinst).

Die Reihenfolge der “kleineren” Parteien jedoch spielt für die künftige Entwicklung der Republik institutionell wie emotional eine wichtige Rolle: Redezeiten im Bundesrat, Ausschussvorsitze, der Visitenkartenschriftzug “Oppositionsführer”, mögliche Vizekanzlerschaften basieren auf der genauen Arithmetik. Continue reading Bundestagswahl 2017 (2): Die “kleinen” Parteien damals und heute

Abgeordnetenhauswahlen in Berlin 2016: Ausgangslage und Umfragen

Die Nachwirkungszeit der meisten politischen Skandale ist begrenzt. Ob Bonusmeilenprivatverfliegerei, Schwippschwägerversippschaftung bei öffentlichen Aufträgen oder auch nebulöse Spendengelder: von den meisten Malaisen erholt sich eine Person oder eine Partei nach einer Legislatur des Vergessens wieder. So sind weder Kirch noch Schreiber derzeit Bleigewichte an der CDU-Zustimmung, so kam Gregor Gysi vier Jahre nach seinem Rücktritt als Berliner Wirtschaftssenator zurück in die Politik. Es gibt einzelne spektakuläre Ausnahmen davon wie zu Guttenberg. Und, als langfristige Verschiebung des politischen Gewichts, den Berliner Bankenskandal.

Mittlerweile fünfzehn Jahre sind vergangen und die grundsätzliche Neuordnung der Berliner Parteien seither ist unangefochten geblieben. War die Union in der Ära Diepgen mitunter in Steinwurfweite einer absoluten Mehrheit, dümpelt sie seither in bestenfalls mittleren Zwanzig-Prozent-Regionen umher. Nutznießer der später wieder schwächelnden SPD waren andere – die Grüne stiegen langsam auf, die Piraten begannen 2011 ihre kurze Tour in die Landesparlament. Selbst von der 2011 krachend scheiternden FDP konnte die Union nicht profitieren.

Ergebnisse bei Wahlen des Berliner Abgeordnetenhauses seit einschließlich 1990
Ergebnisse bei Wahlen des Berliner Abgeordnetenhauses seit einschließlich 1990

Die kommende Wahl wird das Spektrum nicht wieder in Richtung CDU verschieben, sondern einen allmählichen Wandel fortsetzen: 2001 war die erste Landtagswahl n der Bundesrepublik, bei der keine Partei 30% der Stimmen erhielt. Mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit wird am Sonntag die erste Wahl sein, bei der niemand auch nur ein Viertel der Stimmen auf sich vereinen kann. Somit wird, auch das ein Novum, erstmals auch rechnerisch kein Zwei-Parteien-Bündnis mehr möglich sein. (In Sachsen-Anhalt wäre, rein mathematisch, eine CDU-AfD-Koalition mehrheitsfähig.) Continue reading Abgeordnetenhauswahlen in Berlin 2016: Ausgangslage und Umfragen

Demoskopische Anpassungen für die AfD nach den Landtagswahlen?

Noch zwei Landtagswahlen stehen im Jahr 2016 an – und sowohl Mecklenburg-Vorpommern als auch Berlin werden natürlich ihre eigene Artikelserie bekommen. Dennoch möchte ich eine Entwicklung der jüngsten Zeit gesondert betrachten. Ausgangspunkt ist dieser Satz im Artikel Die Sehnsucht nach der zweiten Wende: “Die AfD wurde bisher vor Wahlen fast immer unterschätzt.

Wurde die AfD vor Wahlen unterschätzt?

Ein Blick auf die Ergebnisse der letzten Landtagswahlen und der jeweils zuletzt veröffentlichten Umfragen (wie immer: danke wahlrecht.de) zeigt an, dass die Hypothese haltbar ist:

  • In Baden-Württemberg erhielt die Partei 15,1% der Stimmen.Die letzten Umfragen, alle veröffentlicht in der Woche vor der Wahl am 13. März, sahen sie bei 11% (Forschungsgruppe Wahlen, YouGov, INSA) respektive 12,5% (Forsa), also zweieinhalb bis vier Prozentpunkte unter dem finalen Wert.
  • Ebenfalls am 13. März fanden in Rheinland-Pfalz Wahlen statt. Das gleiche Quartett an Umfrageinstituten veröffentlichte in der Woche 11% (YouGov) bzw. 9% (alle anderen) – 1,6 bzw. 3,6 Prozentpunkte unter dem späteren Resultat.
  • In Sachsen-Anhalt schließlich gelang der AfD am selben Tag ein noch deutlicherer Sprung. Die Forschungsgruppe Wahlen und Forsa sahen die Partei bei 18%, INSA und Infratest dimap bei 19%, uniQma bei 17%. Selbst im besten Fall waren die AfD-Resultate also 5 Prozentpunkte zu niedrig taxiert.
  • Die 2015 in Bremen und Hamburg abgehaltenen Wahlen indes, wo die AfD bei 6% (Hamburg) bzw. 5,5% landete, lässt sich keine derartige Tendenz feststellen, die meisten Umfragen sahen die Partei glatt bei 5 Prozent der Stimmen, mit gar einem Ausreißer über das spätere Ergebnis.
  • Die Landtagswahlen in den neuen Bundesländern 2014 (Thüringen, Sachsen, Brandenburg) hingegen zeigen wieder das bekannte Muster. Um wenigstens zwei Prozentpunkte zu niedrig waren alle von den Instituten vorher herausgegeben Werte.

Für diese Auswertung berücksichtigt wurden Umfragen, die höchstens zwei Wochen vor dem Wahltermin veröffentlicht wurden. Falls es mehr als eine Umfrage pro Institut in diesem Zeitraum gab, zählt die letzte. Das nachfolgende Diagramm fasst die Ergebnisse noch einmal zusammen.

Landtagswahlen 2014 bis März 2016: Jeweils letzte Umfrageergebnisse der AfD und das tatsächliche Ergebnis.
Landtagswahlen 2014 bis März 2016: Jeweils letzte Umfrageergebnisse der AfD und das tatsächliche Ergebnis.

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Zur Kritik an der Demoskopie

Bevor ich mich die Berichterstattung zu den ins Haus stehenden Landtags- und Bundestagswahlen beginne, möchte ich noch einmal meine Gedanken zu einer oft geäußerten Kritik der letzten Jahre verfassen: Dass auf die Demoskopie eh kein Verlass sei, dass sie sich immer am Wahltag als an der Realität vorbeigehende Scharlatanerie entpuppe. (Der Aspekt, inwieweit sie als Herrschaftsinstrument genutzt werden, ist ein anderer und außerhalb dieser Betrachtung.)

Das ist eine per se berechtige Wahrnehmung, die sich natürlich immer nach einer besonders krassen gemeinsamen Fehleinschätzung einstellt. Der überraschende Triumph der FDP in Niedersachsen, der Blitzeinzug der Piraten ins Berliner Abgeordnetenhaus, nicht zuletzt natürlich das deutlich-unter-40-Ergebnis der CDU/CSU 2005. Alles richtig. Dennoch glaube ich, ist es mindestens zu vereinfachend, wenn nicht irreführend, die Demoskopie an und für sich von der Bühne reden zu wollen.

Der Faktor Zeit

Richtig ist, dass es zahlreiche Faktoren gibt, welche die Zuverlässigkeit der veröffentlichten Zahlen beeinträchtigen. Der wichtigste: Zeit. Je nach Institut dauert die Befragung etliche Tage bis eine Woche, die eigentliche Veröffentlichung ist noch etwas später. So können zwischen einem signifikanten Teil der Befragungsstichprobe und dem Tag der Veröffentlichung auch mal zehn Tage liegen. Zehn Tage, in denen die Elbe über die Ufer treten, die USA die Kriegsrasseln schütteln oder Rainer Brüderle den Mund aufmachen kann. Continue reading Zur Kritik an der Demoskopie

Landtagswahlen im Saarland (2): Umfragen früher und jetzt

In wenigen Stunden schließen die Wahllokale im kleinsten Flächenland der Bundesrepublik – auch wenn die allgemeine Spannung sich primär um die Frage dreht, ob die Große Koalition von Sozialdemokraten und Konservativen geführt werden wird, mmöchte ich einmal sehen, ob die Erfahrungen mit der Demoskopie hier womöglich einige Überraschungen liefern könnten.

Daher habe ich nach dem historischen Blick im letzten Beitrag einmal (in einer Google-Docs-Pivot-Premiere) die Abweichungen der Umfragen zum eigentlichen Wahlergebnis analysiert. Auffallend ist, dass im Saarland generell relativ wenig Umfragen durchgeführt werden, in der Vergangenheit wie jetzt. Eine wirklich umfangreiche Momentaufnahmen-Sequenz wie in Berlin lässt sich daher nicht aufstellen. Nichtsdestrotz (und wie immer auf Basis von wahlrecht.de):

(Grand Total ist der Durchschnitt, die [1] zeigt an, dass es für diese Zeiträume keine Daten gibt, weil die PDS/Linke vor ihrer Lafontaine-Auferstehung nicht sinnvoll demoskopisch erfasst werden konnte.) Continue reading Landtagswahlen im Saarland (2): Umfragen früher und jetzt

Abgeordnetenhauswahlen in Berlin 2011 (5): Die Umfragen am Tag vor der Wahl

In wenigen Stunden ist es soweit – die letzte große Wahl des Jahres steht an. Daher möchte ich hier das Beitragsquintett mit einer relativ einfachen (aber dafür weit zurückgehenden) Übersicht der Umfragen (Einzelwerte und gleitender Durchschnitt) abschließen. Wer die Berichterstattung in der jüngsten Zeit verfolgt hat, den überrascht das nachfolgende Diagramm nicht.

Entwicklung der Umfragen in Berlin zur Landtagswahl 2011 – es gilt das Veröffentlichungsdatum.

Die wichtigsten Fakten zum Mitnehmen: Continue reading Abgeordnetenhauswahlen in Berlin 2011 (5): Die Umfragen am Tag vor der Wahl

Abgeordnetenhauswahlen in Berlin 2011 (4): Zuverlässigkeit der Umfragen in der Vergangenheit

In dieser letzten eher historisch gefärbten Abhandlung schaue ich mir sehr bodenständig anhand der letzten drei Abgeordnetenhauswahlen in Berlin an, wie sich die Institute dabei schlagen, das Wahlverhalten der Berliner zu schätzen – was für die folgende Analyse der gegenwärtigen Situation im Kopf behalten werden sollte. (Umfragen wie immer von wahlrecht.de)

So entwickelten sich die Umfragen bei der Abgeordnetenhauswahl 2006

2006, so suggeriert das Holzhammer-Diagramm, das schlichtweg alle Analysen aneinanderplottet, wurde vergleichsweise großzügig geschätzt. Ein schärferer Blick jedoch zeigt, dass das keineswegs durchgehend stimmt. Betrachtet man die vier letzten, von vier verschiedenen Instituten durchgeführten Umfrage einzeln, so wird deutlich: Continue reading Abgeordnetenhauswahlen in Berlin 2011 (4): Zuverlässigkeit der Umfragen in der Vergangenheit

Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz 2011: Ausgangssituation und Umfragen

Rheinland-Pfalz hat einige Besonderheiten aufzuweisen, was seine politische Konstellation angeht. So war es selbst in der Zeit des sozialdemokratischen Trübsaals SPD-regiert, seit 2006 in absoluter Mehrheit und davor, ein damaliges Unikum, in einer sozialliberalen Koalition und profitiert enorm von der Popularität des Kurt Beck. Die Grünen haben es im sehr ländlich und dabei wenig studentisch geprägten Raum recht schwer, lagen in allen vergangenen Wahlen hinter der FDP und seit 2006 gar nicht mehr im Landtag vertreten. Auch eine Konstellation der PDS/Linken/WASG hat es in der Vergangenheit nie zu nennenswerter Zustimmung gebracht. SPD und CDU vereinen zusammen immer rund vier Fünftel der Stimmen, Grüne und FDP kamen gerade einmal an 15 Prozent heran.

Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz seit 1987.

Mit dieser Gelassenheit, so scheint es, ist es ab Sonntag vorbei. Zunächst einmal die letzten Umfragen in der Übersicht, tabellarisch [nein, Google Spreadsheet weigert sich] wie visuell (und ja, ich werde bei Gelegenheit die Diagramme mal anders bauen): Continue reading Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz 2011: Ausgangssituation und Umfragen

Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt 2011 (3): Das Ergebnis und die Rolle der Wahlbeteiligung für die NPD

In aller Kürze ein paar Gedanken und Feststellungen zum Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt (offiziell beim Landeswahlleiter). Okay, jetzt wo ich drauf schaue, ist es noch nicht mehr so kurz. Egal:

Alle Landtagswahlen seit 1990 in Sachsen-Anhalt; markiert nur Parteien, die wenigstens einmal im Landtag saßen.
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