Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt 2016 (2): Korrelation zur DVU 1998

Im letzten Beitrag zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt bemerkte ich, dass es für die SPD womöglich bitterer werde als in den Umfragen vorhergesehen und dass das Bundesland historisch wie politisch ein optimaler Nährboden für ein die erdrutschartigste aller Ergebnisse werden könnte. Und schloss eher der Vollständigkeit halber, dass Union und SPD wohl weiter eine Große Koalition bilden werden, so sie denn eine Mehrheit findet.

Tatsächlich war der Wahlabend eine Bedrohung für die strategischen Ausrufezeichenreserven. Allein in Sachsen-Anhalt:

  • erhielt zum ersten Mal in einem Flächenland keine Partei 30 Prozent der Stimmen (in Berlin war das 2001 und 2011 bereits geschehen),
  • holte die SPD das drittschlechteste Ergebnis der Nachkriegsgeschichte (nach Sachsen 2004 und 2009),
  • gelang es der AfD aus dem Nichts, zweitstärkste Partei zu werden (die Schill-Partei PRO holte in Hamburg 2001 Bronze),
  • und das mit 24,2 Prozent der Stimmen, fünf Punkte mehr als PRO, fast doppelt so viele wie die DVU vor achtzehn Jahren,
  • und somit ist genau wie in Baden-Württemberg erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik keine CDU-SPD-Koalition mehrheitsfähig (in Thüringen war immerhin ein Mandat über der Kante).

Wechselwählerdiagramme und bitterste Videoreportagen finden sich bereits online. (Im Gegensatz zu 2011, wo eine erhöhte Wahlbeteiligung möglicherweise der NPD den Einzug in den Landtag unmöglich machte, profitierte die AfD diesmal davon.)

Mich interessierte die Frage, inwieweit sich Vergleiche mit dem DVU-Erfolg von 1998 ziehen lassen. Auf der inhaltlichen Ebene wäre das plausibel, weil die Frey-Partei dereinst vor allem auf der Protestwelle gegen die dämmernde Regierung Kohl und “Polit-Bonzen” schwamm und die AfD die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin als Illustration für Politik gegen die Interessen der Bevölkerung nutzt. (Natürlich: die wirtschaftliche Lage in Sachsen-Anhalt ist heute weit besser sein damals, als etwa die Kleinstadt Artern mit knapp 33% Arbeitslosenquote bundesweit bekannt wurde, auch wenn das Land immer noch Hochburg der Berufspendler und des Wegzugs ist.)

Dazu habe habe ich also einfach eine Korrelation der Wahlkreise (Quelle 1998, Quelle 2016) erstellt zwischen dem Ergebnis der DVU dereinst und dem der AfD vor ein paar Tagen. Zu beachten bei der Analyse:

  • Einige Wahlkreise sind inzwischen geändert worden, diese habe ich aus der Betrachtung entfernt. Hier könnte eine leichte Verzerrung auftreten, weil insbesondere der Süden und Osten des Landes betroffen ist, in dem die AfD besonders stark abschnitt.
  • Auch Halle und Magdeburg haben eine Reduzierung ihrer Wahlkreise erfahren – da ich jedoch die beiden größten Städte des Landes nicht einfach ignorieren wollte, habe ich alle jeweiligen Wahlkreise zu jeweils einem stadtweiten Ergebnis zusammengefasst, das sich dann doch wieder vergleichen lässt. Allerdings heißt dass, die Ergebnisse von Städten sind unterrepräsentiert in der Analyse, weil eben nur einer statt bis zu fünf Datenpunkten. Und gerade in diesen beiden Städten schnitt die AfD im Vergleich zum DVU-Ergebnis nicht so überragend ab.
  • Achtzehn Jahre sind eine lange Zeit. Menschen, die bei der Wahl 1998 keine fünf Wochen alt waren, konnten am Sonntag wählen. In der Zwischenzeit sind weitere Menschen weggezogen, hat sich die demographische Zusammensetzung geändert, sind Menschen gestorben. Ich erhebe hier also keineswegs den Anspruch einer echten Längsschnittstudie, sondern eher einer statistischen Katzenwäsche.

Nachfolgend also das Ergebnis, die Daten hierfür liegen auf meinem OneDrive.

Korrelation DVU 98 - AfD 2016
Punktwolke mit DVU-Wahlergebnis (“erklärender Variable”) auf der X- und AfD-Resultat auf der Y-Achse. Trendlinie automatisch von Excel drübergepatscht.

Die Korrelation ist numerisch nicht unbedingt erheblich (0,48 – und mit den Städten als mehrere Datenpunkte womöglich noch etwas niedriger) aber bei einem p-Wert von 0,004 statistisch signifikant mit den vorhergehenden Einschränkungen zur Stichprobe. Sprich: ein DVU-Ergebnis 1998 “erklärt” ein besonders gutes AfD-Ergebnis 2016.

Damit sage ich nicht, dass die AfD letztlich nur eine gelungenere Version der Volksunion ist – dafür waren Ergebnis und Stimmwanderungen zu gewaltig. Allerdings scheint der Erfolg eben auch zu einem guten Teil dort zu funktionieren, wo die DVU von Frustration und Hass profitierte.

Offenlegung: Ich war von 2002 bis 2009 Mitglied der FDP und bin seit 2009 Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen.

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