Blaues Band an stillgelegtem Gleise

Die Alte Schönhauser Allee, Hausnummer Sieben, an einem Tag, der viel wärmer aussah, als er wah.
Die Alte Schönhauser Allee, Hausnummer Sieben, an einem Tag, der viel wärmer aussah, als er war.

Achtung, Hobbylektoren – viel zu lange, völlig vom Thema abschweifende und absolut SEO-feindliche Einleitung in drei, zwei, eins…

Ich fuchse mich ja sehr gerne in alte S-Bahn, U-Bahn und Straßenbahnpläne, schaue mir an, wo früher noch Schienenfahrzeuge fuhren und fachsimple gerne über mögliche Ausbauten, auch gerne exotischer als der Ausbau der M10 zum Hauptbahnhof. Zu den wenigen innerstädtischen Stilllegungen, die ich mitbekommen habe, zählt die der alten M2-Stammstrecke: Die Straßenbahn aus Heinersdorf (die früher die Nummer 1 war) endet ja jetzt direkt am Alexanderplatz und fährt deswegen nicht mehr über die Torstraße und die Alte Schönhauser zum Hackeschen Markt. Aus ÖPNV-Sicht macht das die Gegend zur verkehrsberuhigten Zone – und ein bisschen vermisst man das gewohnte Zucken und Kreischen (und falschparkerbedingte Stehenbleiben) der Trams, wenn man sich mit reichhaltigem Erfahrungsschatz ins Blaue Band setzt.

Ein simuliertes Im-Bett-Herumdrehen

Dieser Laden (Google Maps, Qype, Website) hat sich mittlerweile in die Agenda so vieler Menschen begeben, dass es ab 11 Uhr zur echten Herausforderung wird, einen Platz zu finden. Es lohnt sich auch durchaus, bereits früher da zu sein und die Stille der Räume zu erleben, bevor sie von Metallklappern und angeregten Gesprächen beschallt wird. (Gut, heute morgen war die Stille ein wenig von Downbeats übertönt, die auch sonst sehr freundliche und überwiegend aufmerksame Bedienung kam dem aber schnell nach.)

Es ist genau die Stimmung, die ich um zehn Uhr habe an einem Samstag, dieses beinahe wach sein, aber natürlich die geöffneten Augen nur simulieren. Besonders der hintere Teil des Blaues Bandes ist dunkel, ohne miefig zu wirken. Eine lange, lange Übereckbank rahmt die übrigen massiven Tische und Stühle, von den hohen Wänden hängen – und das teilweise sehr tief – Lampen, über der Übereckbankrückenlehne zieren Stoffrechtecke die Wand.

Kalorien machen glücklich und nähen Kleidung enger: Ein Kandidat für Berlins besten French Toast.
Kalorien machen glücklich und nähen Kleidung enger: Ein Kandidat für Berlins besten French Toast.

Im Sommer kann, wer das unbedingt will, draußen sitzen. Kürzlich beim Berlin-Marathon landete auf einem Spielplatzgebiet nebenan ein Hubschrauber und es gab Gratis-Sandbeilagen für alle Zuschauer – und die versandeten Speisen ein zweites Mal aufs Haus.) Zeitungen sind natürlich auch da, wenngleich eine Würmeranalogie es gebietet, auch hierfür früher Vogel zu sein. Der Zeitschriftenhalter an der Wand hat schon bessere Zeiten gesehen, als Katze würde ich mich nicht darunter zum Schlafen begeben.

Speisen: Fast alles, und davon reichlich

Milch und Kaffee für den Latte kommen separat. Wasser ist grundsätzlich dabei.
Milch und Kaffee für den Latte kommen separat. Wasser ist grundsätzlich dabei.

Im gut gefüllten, aber gerade noch geräumig gut eingerichteten Blauen Band gibt es beim Frühstück zum einen die üblichen geographischen Zuordnungen. Wer ein Croissant möchte (obwohl man dafür, jetzt mal unter uns und so, auch einfach zum Bäcker latschen könnte), nimmt das Französische. Wem nach Fisch ist, das Schwedische. Italien kümmert sich um entsprechende Käse- und Wurstauswahl, Berliner Frühstück und zwei Käse-Varianten gibt es ebenfalls. Darüber hinaus sind (auch später beim Mittagstisch) Eierspeisen eine Spezialität des Hauses, sowohl die Pancakes (Achtung: die große Portion ist wirklich groß) als auch die Omelettes begeistern.

Nahezu süchtig macht der French Toast, ebenfalls mit genügend Kalorien, um den Winterschlaf eines handelsüblichen Braunbären vorzubereiten. Und dann sind da natürlich noch der Vanillequark als gerade-keine-Lust-auf-Gesundheitswahn-Variante des Joghurts oder Müslis mit Früchten. In meinen Augen ist die Karte perfekt balanciert, lediglich ein vegetarierfreundliches Menü abseits des Käse-Pfades fehlt.

Für den Latte Macchiato werden Milch und Espresso getrennt serviert. Das ist zwar effektiv ohne Sinn, da man das Zeug ja sowieso gleich reinkippt, aber trotzdem ein angenehmes Gefühl, einen Tick vom Kaffeekultur-Mainstream abzuweichen. Natürlich gibt es auch den Milchkaffee in der Tasse und frisch gepresste Orangensäfte.

Unspektakulär und vielleicht nicht allzu inspiriert aufbereitet, aber lecker: Joghurt mit Früchten.
Unspektakulär und vielleicht nicht allzu inspiriert aufbereitet, aber lecker: Joghurt mit Früchten.

Die Preise für das Gebotene sind im Durchschnitt, 2,60 € kostet besagtes Kaffeegetränk, die Frühstücke bewegen sich im mittleren bis oberen einstelligen Bereich. Lediglich die 6,40€ für den großen frischen O-Saft halte ich für überzogen.

Es ist schwer zu verdecken: Das Blaue Band gefällt mir gut. Es ist natürlich nicht völlig perfekt, gerade bei großem Andrang kann es zu Wartezeiten oder gar Erinnerungsbedarf seitens des Kunden an seine Bestellung kommen. Auch habe ich das Gefühl, dass die Infrastruktur ein wenig besser in Schuss gehalten werden könnte. Und natürlich ist kaum ein Restaurant weiter davon entfernt, ein Geheimtipp zu sein. Aber das muss es ja keineswegs, solange man satt und zufrieden rausmarschiert, um auf dem Weg zur jetzt weiter entfernten Haltestelle wieder Kalorien in Bewegungsenergie umzusetzen.

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