Morgenstund…

Anmerkung: Bei diesem Beitrag handelt es sich um einen importierten Artikel aus meinem damaligen Blog “Morgenstimmung Berlin”, der nach langer und beschwerlicher Datenbankreise den Weg in dieses Blog geschafft hat – an Zeichenkodierungen und ggf. Bildern arbeite ich allerdings noch.

…bereitet dem werten Frühstückssuchenden immer wieder Probleme dabei, geeignete Lokalitäten zu finden. Nach durchaus schwieriger Suche fiel die Entscheidung diesmal aufs Keyser Soze, einem Lokal inmitten der quirligen Gegend zwischen Oranienburger Stra?üe und Auguststraße. Vielleicht lohnt es sich bei den ganzen Künstlern und Studenten in der Gegend einfach nicht, so früh aufzumachen…?

Wenn man es tut, sollte man aber gewisse Vorkehrungen treffen. Der eintreffende Gast erlebt oft genug schlecht gelüftete Zimmer, denen die Morgenmuffligkeit quasi anzuriechen ist. Als Erster des Tages ein besonders freundliches Lächeln zu bekommen, das wäre doch mal was! Leider auch im Keyser Soze Fehlanzeige.
Stattdessen wird dadurch die Aufmerksam der Bedienung auf mein Tun gelenkt, und während ich also mit der Digicam rumwusel, wird der Blick zunehmend skeptischer. Als ich dann angesprochen werde, ob ich das denn okay fände, einfach so einen Laden zu photographieren und wozu das überhaupt sei und ich könne doch mal fragen, sehe ich mich vor ein schwieriges Problem gestellt:

Naheliegenderweise erkläre ich nicht “Guten Tag, ich möchte ihr Lokal anonym testen, darf ich dafür einige Bilder machen”. Da bisher in keinem einzigen Lokal eine Bedienung auch nur den Ansatz eines Problems hatte, habe ich mir aber auch nie wirklich Gedanken gemacht. Schwierig, Schwierig…

Entscheidungsproblematik

Nachdem ich kurz das Konzept von Morgenstimmung Berlin erläutert habe, wird die Kellnerin zunehmend freundlicher (und gibt sich entweder sehr viel Mühe, ungekünstelt zu sein, oder sie ist) und kommt am Ende schon fast an Bestmarken der Gastronomie ran. Nur stellen sich damit für mich zwei mögliche Szenarien auf…

  1. Die Kellnerin war um acht Uhr früh doch relativ mufflig und der Chef ist eventuell wirklich sauer, wenn jemand einfach so photographiert. An sich ist sie aber wirklich voll nett, wie sie auch später bedient hat. Das hieße, weil sie den Anfang trotzdem sehr plautzend gebracht hat, eine noch gute Wertung, also 75%.
  2. Die Kellnerin ist an sich nicht nur mufflig und wollte mich irgendwie anmauzen, sondern hat auch bewusst auf Freundlichkeitsmodus gestellt, als sie wusste, dass es um einen Test geht. Indiskutabel – 35%.

Was wäre nun eine faire Lösung, in der ich meine Menschenkenntnis nicht überschätze, nicht zu naiv, nicht zu gemein, nicht zu aussagenlos bin? Nun, ich habe beschlossen, die Bedienungswertung zu mitteln.

Schöner Essen

Die Inneneinrichtung passt zur gewählten Orthographie des Keyser Soze – ob man diese Pferdchen an der Tapete wirklich mag, bleibt jedem selbst überlassen. Ziemlich gut ist dafür die Möbilierung, die ausreichend Platz, große Tische und auch eine Chill-Out-Ecke bietet. Die Musik war am Testmorgen wohl auch noch nicht ganz munter…

Darf’s ein bisschen mehr sein?

Die Speisekarte des Keyser Soze ist nicht eben ein Offenbarungseid an Vielfalt: es gibt keine 6 (in Worten: sechs) verschiedene Frühstücke: mini, klein, groß, jeweils normal und vegetarisch. Welche Originalität! Immerhin kann man das Basis-Angebot durch eine Vielzahl an Müsli, Quark- und Ei-Varianten aufbessern.
Aber: wo “groß” draufsteht, ist wirklich groß drin. Selten habe ich nach einem so geringen Anteil eines Gerichtes schon so starke Sättigungsgefühle verspürt – vom Preis-Leistungs-Verhältnis her muss sich das Keyser Soze wirklich nicht verstecken.
Die Gerichte selbst sind auch gar nicht mal so schlecht. Der Milchkaffee ist mir persönlich auch wieder etwas zu würzig ausgefallen, geht im Gesamten aber durch. Die Käseauswahl ist deutlich besser als in anderen Restaurants und auf den Tellern hat sich auch ordentlich Obst verirrt. Auch leckere Avocado-Creme und Quark ist mit von der Partie. Ebenfalls positiv: ausnahmsweise ist der Brotkorb genügend gefüllt, um nicht den Käse fünffach stapeln zu müssen.
Nur: irgendwie macht es alles einen sehr bemühten Eindruck. Es sagt ja keiner, dass Köche abgeschlossene Design-Ausbildungen brauchen, aber wer auch immer auf die Idee kam, ein einzelnes Tomaten-Achtel auf den Käse zu pappen (weil die auslaufende Flüssigkeit eine so markante Mischung hinterlässt), wer auch immer meint, den Rest an Obst scheinbar mit geschlossenen Augen verteilen zu müssen, wer auch immer findet, dass man Avocado-Creme nicht würzen muss… er sollte nochmal länger drüber nachdenken.
Manöverkritik
So bleibt es im Gesamten schwierig, das Keyser Soze zu beurteilen. Das Preis-Leistungs-Verhältnis, die ?ñffnungszeiten sowie die sehr Mitte-typische Atmosphäre sind klare Pluspunkte, an vielen anderen Enden aber fehlt doch noch ein bisschen Perfektionismus für bessere Wertungen. Und an der Bedienung scheiden sich die Geister.

Wertung: Keyser Soze
Speisen und Getränke 75% 70%
Atmosphäre 80%
Bedienung 55%
Tucholsky-Straße/Auguststra?üe (S Oranienburger Straße).
Preise: Französisches Frühstück 3 Euro, Milchkaffee 2,50 Euro.

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