Und jetzt? Ubisofts Optionen nach der Siedler-Verschiebung

Spieltrieb

Ein Spiel gut zwei Wochen vor dem geplanten Release zu verschieben, das kann schon einmal vorkommen. Hier haben noch 3D-Modelle Nachbearbeitungsbedarf, dort müssen wir mit der Lokalisierung noch mal ran, und das Balancing der Fraktionen verträgt noch ein wenig mehr Fein-Tuning. Ist alles schon passiert und muss nicht zwangsläufig im Drama enden.

Auch ein „Pivot“, also eine Neuausrichtung wesentlicher Elemente eines Spielkonzeptes, ist keine Seltenheit und nicht zwingend verhängnisvoll. Halo wandelte sich vom Mac-exklusiven Echtzeitstrategiespiel zum 3rd-Person-Shooter zum Xbox-Exklusivtitel aus Ego-Perspektive. Die Vogelperspektiven-GTAs begannen eher als Räuber-und-Gendarm-Duell, ehe die komplette Gangster-Perspektive übernommen wurde. GoldenEye war ursprünglich ein Rails-Shooter. Die Beispiele sind zahlreich und endeten mehr als zufriedenstellend.

Unheil dreut jedoch, wenn die Umstände so zusammenkommen wie bei „Siedler 8“. Das Spiel ist bereits mehr als drei Jahre im Verzug, es hat bereits eine große Neuorientierung hinter sich, in welcher Volker Wertichs komplexes Ineinandergreifen verschiedener Mechaniken zu einem simpel gestrickten „Aufbau-Echtzeitstrategie“-Konzept verbaut wurde. Das Presse-Feedback zu Beginn des Jahres: bestenfalls streitbar. Und nun hat die Closed Beta diesen Eindruck bestätigt und Ubisoft Düsseldorf geht nochmal zurück an den Planungstisch. Was sind dabei die Optionen, wie wahrscheinlich sind diese?

Möglichkeiten und Einschränkungen

Tatsächlich gibt es neben den eingangs benannten Positivbeispielen natürlich auch lagerhausweise Exempel, in denen mehrere Verschiebungen und Konzeptänderungen eher der vierte Akt einer Shakespeare-Tragödie waren und wenig später die Putztruppe ordentlich beschäftigt sein wird. Command & Conquer 4? Das Resultat eines umgestöpselten Free-2-Play-Versuchs für den asiatischen Markt. Generals? Nach der Beta eingestellt. Tiberium? Unzufrieden mit der Qualität, beendete auch hier EA die Produktion. Blizzards StarCraft: Ghost oder WarCraft Adventure werden nie das Licht der Welt erblicken. Und wo wir im Rotstift-Teil der Liste sind: Grundsätzlich hat das „Konzept deutlich entschlacken“ (‚streamlinen‚ im Ubisoft-Jargon) auch wirklich traurige Spiele hervorgebracht wie Empire Earth 3 oder Sacred 3.

Den Champagner aus dem Ubisoft-Hauptquartier in Montreuil also besser gleich zurückschicken? Ja, es sieht nicht gut aus. Das sind die Möglichkeiten, die sich Ubisoft noch bieten – und für wie wahrscheinlich ich sie halte.

Statement auf dem „Die Siedler“-Twitter-Account vom 3. März 2022.

Option 1: Das Projekt wird eingestellt

Nach ein, zwei Wochen am Reißbrett und vor den Excel-Listen gibt es eine klare Ansage: „Non.“ In keinem Szenario wirft „Die Siedler“ für Ubisoft nennenswert Gewinn ab.

Was spricht dafür? Die Siedler als Marke haben international seit jeher weniger Strahlkraft und sind auch im deutschsprachigen Raum stark gelitten, so dass die Basis-Verkaufsprojektionen für ein mäßiges Siedler wenig rosig ausfallen dürften. Jeder starke inhaltliche Pivot erfordert Investitionen und von diesen dürfte Ubisoft sehr wenig begeistert sein.

Was spricht dagegen? Das Geld für die vergangenen drei oder mehr Jahre Entwicklung ist bereits verbucht. Niemand mag schlechtem Geld noch gutes hinterherwerfen, aber gleichzeitig – eine Einstellung jetzt hat eben exakt 0 € Einnahmen zu folge. Findet sich wirklich keine Option, mit zwei Monaten werkeln etwas Profitables zu bauen, und sei es auf noch so kleiner „Die Marke ist eh verbrannt danach“-Flamme?

Option 2: Das Projekt wird mit minimalen Änderungen veröffentlicht

Ubisoft geht wieder in den Funkstille-Modus. Nach drei Monaten erscheint „Die Siedler“. Die Pressemitteilung betont die Änderungen beim Balancing und Design seit der Closed Beta, auch wenn die sich auf den Wegfall der Raketen-Ochsen und Vogelscheuchen sowie die Einführung grundsätzlich nachwachsender Wälder beziehen.

Was spricht dafür? Das Beste zweier Welten – Ubisoft gibt wenig Geld aus, hofft darauf, dass besonders meinungsstarke Teilnehmende der Closed Beta mit zeitlichem Abstand etwas milder geworden sind und rettet die Marke so gut sie es zulässt über die Ziellinie. Verkäufe am unteren Ende der Projektionen sind besser als keine Verkäufe.

Was spricht dagegen? Ubisoft würde weiter Glaubwürdigkeit riskieren. Es ist wahrscheinlich, dass ein Großteil des Publikums das Manöver durchschauen und das Spiel außerhalb des Einkaufskorbes lassen würde.

Option 3: Das Projekt erscheint mit größeren Änderungen nah längerer Zeit

Frühjahr 2023, das neue Siedler ist – und richtig gut. Eine Mischung aus Banished und die Sims! Es findet die perfekte Nische – weit genug weg von der hausinternen Dauergrün-Konkurrenz Anno, mit klarem Siedel-Fokus, der sich gut erklären und spielen lässt. Presse und Publikum freuen sich, drei Seasons DLC unterwegs, Vorhang.

Was spricht dafür? Tja. Es wäre natürlich der Wunsch aller Beteiligten, doch einen echten Kassenschlager zu produzieren. Die Marke zu revitalisieren. Die gute Grafik zu nutzen. Nachhaltig etwas aufzubauen.

Was spricht dagegen? Wenn es dieses offensichtlich erfolgreiche Konzept gäbe, hätte auch in den vergangenen vier Jahren jemand drauf kommen können. Zudem bewegen wir uns dann in Budget-Regionen, bei denen es zur Rekuperation sehr ambitionierte Absatzzahlen braucht.

Was nun?

So interessant diese konzeptionellen Betrachtungen sind, so sehr wünsche ich mir auch, dass der Knoten gelöst wird. Allerdings gibt es nach den Geschehnissen der letzten Wochen keinen Grund, die überreichlich vorhandene Skepsis zu senken.

One Reply to “Und jetzt? Ubisofts Optionen nach der Siedler-Verschiebung”

  1. […] Update 4. März 2022: Ich habe zur aktuellen Verschiebung der Siedler einen neuen Beitrag geschrieben. […]