Was wäre wenn? Weimarer Republik mit Fünfprozenthürde (7): Reichstagswahl Juli 1932

Wer im Schulunterricht ein wenig Wachzeit verbracht hat, braucht für diesen und die nächsten Beiträge keine Spoilerwarnung. Auch die Untersuchung der zentralen Fragestellung dieser Reihe – was für eine Änderung hätte ein Quorensystem, wie es das heutige bundesdeutsche Wahlrecht kennt, gebracht – scheint ab jetzt wenig sinnstiftend. Dennoch kann das Ergebnis und das Umfeld seines Zustandekommens genutzt werden, um einmal mehr über die Grundsätzlichkeit dieser Fragestellung zu diskutieren.

Ergebnis

Zunächst einmal zum ersten zweifelsfrei in der Mehrheit antirepublikanischen Parlament der Weimarer Republik:

Reichstagswahl Juli 1932
Ergebnis der Reichstagswahl vom Juli 1932 inklusive hypothetischer Sitzverteilungen bei verschiedenen Quorenregelungen. Zum Vergrößern klicken.

Notwendig geworden war die Wahl, als nach dem letzten Urnengang keine parlamentarische Mehrheit zustande kam und das Präsidialkabinett Brüning zunächst weiter über Notverordnungen im Sammelpack regierte, dann aber nach einer langen Entfremdung von Hindenburg und einem wenig populären Plan zur zwangsweisen Umsiedlung Arbeitslosen in östliche Agrargebiete gestürzt. Franz von Papen wurde zum Reichskanzler ernannt, er führte ein Kabinett aus Parteilosen und DNVP-Politikern, allerdings war eine Unterstützung der NSDAP angedacht. Diese stellte die Forderungen nach baldigen Neuwahlen und einer, heben Sie Ihre Hand, wenn Sie Bedenken hätten, Aufhebung des SA- und SS-Verbotes.

Angesichts einer so eindrucksvoll konzentrierten strategischen Fehlplanung und absichtlichen und fahrlässigen Beschädigungen am parlamentarischen System: Ein anderes Wahlsystem hätte hier offensichtlich minimale Auswirkungen, und wenn, dann hätte diese die demokratischen Gruppen getroffen, wie auch in den vergangenen Wahlen. (Sie können die Hand jetzt wieder runternehmen.)

Wenn die Annahme zuträfe, dass die Zerkrümelung der Parteien eine Erosion der Demokraten zur Folge hatte, hieße das letztlich, dass die Kleinparteien einfach Übergangsstimmen waren, ehe die Leute bei der NSDAP ihr Kreuz machten. Und dass sie ohne die Kleinparteien mit einer mühevollen Großen Koalition und steigender Arbeitslosigkeit niemals auf die Idee gekommen, Nationalsozialisten zu wählen.

Schließlich führten die im gleichen Jahr abgehaltenen beiden Wahlgänge zum Reichspräsidenten keine Zersplitterung vor, sondern insgesamt eine Zunahme der NSDAP-Sympathisanten. Zwar gewann der Generalfeldmarschall Hindenburg letztlich die Wahl, NSDAP-Kandidat Hitler jedoch gewann gegenüber der Reichstagswahl 1930 fünf Millionen Stimmen im ersten Wahlgang und im zweiten noch einmal zwei Millionen, wobei der – bitte Luft-Anführungszeichen denken – demokratische Kandidat Hindenburg etwas über der absoluten Mehrheit ins Ziel kam. Die Zustimmung von knapp 37% für Hitler lag nah beim tatsächlichen Reichstagswahlergebnis.

Zusammenfassung

Die erste Reichstagswahl 1932 – bei der die NSDAP das bis dahin zweitbeste Ergebnis überhaupt erzielte, nahe am Resultat der SPD 1919(!) – war das Resultat einer Reihe zur Republik unwilliger und/oder unfähiger Akteure. Auch die Bevölkerung wählte – selbst dann, wenn der Gegenkandidat wahrlich frei von allen Marxismusvorwürfen war – zu fast vierzig Prozent einen Nationalsozialisten als Reichspräsidentenkandidat. Arithmetische Hürden sind an dieser Stelle nicht einmal mehr zweitranging.

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