Landtagswahl in NRW 2010 (2): Trends und Zuverlässigkeit in Umfragen

Heute sind Wahlen im bevölkerungsreichsten Bundesland Deutschlands. Auf dem Spiel steht die Bundesratsmehrheit der Regierung, die politische Zukunft von Jürgen Rüttgers und auch die grundsätzliche Möglichkeit der SPD, wieder Fuß zu fassen. Wie stehen die Chancen dazu, wenn man sich die Umfragen ansieht? Die letzten zehn Umfragen (wie immer vom großartigen Wahlrecht.de) geben folgendes Bild (sieht diesmal hässlicher aus, weil ich OpenOffice für die Regressionen brauchte):

Institut Datum CDU SPD Grüne FDP Linke Schwarz- gelb Rot-grün Vorsprung Schwarz-gelb Schwarz- grün SPD/FDP/Linke Schwarz-grün zu SPD/ FDP/ Linke Rot-rot- grün zu CDU/FDP
Emnid 06.05 37% 33% 12% 8% 5% 45% 45% 0,0% 49,0% 46,0% 3% 5%
Forsa 06.05 37% 37% 10% 6% 5% 43% 47% -4,0% 47,0% 48,0% -1% 9%
GMS 05.05 37% 33% 12% 7% 6% 44% 45% -1,0% 49,0% 46,0% 3% 7%
FSG Wahlen 02.05 38% 33% 11% 8% 6% 46% 44% 2,0% 49,0% 47,0% 2% 4%
Infratest 30.04 35% 33,5% 11% 8,5% 6% 43% 44,5% -1,0% 46,0% 48,0% 2% 7%
Forsa 29.04 37,5% 33% 12% 7,5% 5,5% 45% 45% 0,0% 49,5% 46,0% 3% 6%
Emnid 28.04 38% 34% 11% 8% 6% 46% 45% 1,0% 49,0% 48,0% 1% 5%
OmniQuest 23.04 37,5% 36,8% 12,8% 5,1% 4,8% 42,6% 49,6% -7,0% 50,3% 41,9% [ohne Linke] 8% [ohne Linke] 12%
Forsa 21.04 38% 34% 11% 6% 5% 44% 45% -1,0% 49,0% 45,0% 4% 6%
Forsa 14.04 39% 34% 11% 6% 5% 45% 45% 0,0% 50,0% 45,0% 5% 5%

Insgesamt wenig spektakulär. Trends, die sich ablesen lassen, beginnend mit den am meisten auftretenden:

  • Die Grünen (Disclaimer: ich bin Mitglied) sind drittstärkste Partei, die FDP (Disclaimer: ich war Mitglied) vierte Kraft, die Linke dahinter
  • Neun der letzten zehn Umfragen sahen die Linke nicht explizit unter der Fünf-Prozent-Hürde, fünf der letzten zehn sahen sie bei mehr als 5,0 Prozent; es ist wahrscheinlich, aber nicht sicher, dass sie in den Landtag kommt
  • Mit zwei Ausnahmen war die CDU, trotz eines insgesamt abnehmenden Trends, immer stärkste Partei
  • Die letzten zehn Umfragen in NRW und der lineare Trend.
    Die letzten zehn Umfragen in NRW und der lineare Trend. (Ja, auch wenn's vieles kann, schön können kann OpenOffice nicht.)
  • Wenn man „Lager-Additionen“ durchführt, so hat schwarz-gelb lediglich in zwei der letzten zehn Umfragen einen Vorsprung gehabt, in drei Befragungen lagen beide gleichauf, in der Hälfte aller Fälle war rot-grün (ohne Linke) vor der derzeitigen Koalition.
  • Hier eine Reihe Summe der jeweiligen Umfrageergebnisse von CDU+FDP versus SPD+Grüne, ohne Berücksichtigung der Linken und damit auch ohne die Frage zu beantworten, ob tatsächlich eine Regierung zustande kommen könnte. Das Diagramm beantwortet lediglich die Frage, um welches der "Lager" bzw. "Projekte" es in der Summe besser bestellt ist.
  • Allerdings: Lediglich die Omni-Quest-Umfrage vom 23. April 2010 schert dahingehend aus der Reihe, dass a) sowohl ein Vier-Fraktionen-Parlament prognostiziert wird und b) eine „echte“ Mehrheit für Rot-Grün drin ist, die beiden Parteien also nicht nur mehr Sitze haben, sondern auch wirklich eine Regierung bilden könnten. Eine parlamentarische Mehrheit für schwarz-gelb gibt es in keinem Szenario; rot-rot-grün dagegen hat immer eine.
  • Anders sieht die Sache bei Schwarz-grün aus: Addiert man die ermittelten Ergebnisse von CDU und Grünen, ergeben sich überwiegend mehrheitsfähige Zahlen. Lediglich der zwei der letzten zehn Umfragen sehen keine parlamentarische Mehrheit für eine Koalition aus Union und Grünen, acht Mal hingegen könnte eine Koalition zustande kommen. Hier sprechen wir von echten Mehrheiten im Parlament, nicht von reinen Lageradditionen wie beim vorherigen Strichpunkt.
  • Dieses Diagramm berücksichtigt alle jeweils im alle Parlament vertretenen Parteien, gibt also Auskunft über die tatsächliche Möglichkeit von schwarz-grün, um die es in der Summe sehr solide bestellt ist.
  • Möglich wäre also, dass Rot-grün an und für sich gewinnt – also mehr Stimmen und Sitze erhält als schwarz-gelb, angesichts der Fünf-Fraktionen-Konstellation aber dennoch eine andere Regierung gestellt, nämlich womöglich das Hamburger Modell.

Fazit, und: Wie zuverlässig sind die Umfragen in NRW eigentlich traditionell?

Die Analyse der Ergebnisse der Vergangenheit sind uneinheitlich. 2005 wurden Grüne und FDP konsequent über ihrem Marktwert gehandelt, letztlich landeten sie bei eher mickrigen 6,2 Prozentpunkten. Die großen Parteien schnitten dafür um ein bis zwei Zähler besser ab als prognostiziert.
2002 dagegen wurde die FDP unterschätzt (wenn auch nie so albern wie in „wir wurden bei 3 Prozent gesehen“-Interviews angegeben), für CDU und SPD dagegen etwas zuviel Stimmenanteil erwartet.

In beiden Fällen listeten jedoch fast alle Umfragen eine Mehrheit für jene Parteien aus, die dann auch tatsächlich die Regierung bildeten. Allerdings waren da immer klare Vier-Parteien-Parlamente angesagt. Daher kann ich mit einem Insider schließen: Es bleibt spannend! Zumal die Griechenland-Krise und die nach langem Zögern getroffene Entscheidung Bundesregierung und -tag zur Hilfe noch nicht absehbar war, als die hier aufgeführten Umfragen tatsächlich durchgeführt wurden.

PS: Der Vollständigkeit halber und kurz und bündig: Ich glaube nicht an ein besonders gutes Abschneiden der Piraten.

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