Unentschlossene Wähler machen die Musik

Ein Drittel der Wähler unenschlossen, drei Wochen bis zur Wahl, was schlussfolgern wir? „Es sind keine Erdrutsche zu erwarten“, zitierte die Rheinische Post am 26. August 2005 Emnid-Chef Klaus-Peter Schöppner. Das Ergebnis ist bekannt, auch bei Emnid. 2002 war ebenfalls ein erheblicher Teil des Elektorats lange Zeit nicht entschieden und wohl mitverantwortlich für die Aufholjagd der SPD.

Und 2009? Ist der unentschlossene Wähler weiterhin in aller Munde. Grund genug, um einmal die linearen Gleichungssysteme auf ihn zu jagen. Nachfolgend stelle ich zwei Modelle auf, um den Einfluss von unentschlossenen Wählern zu berechnen und damit eine Prognose für 2009 aufzustellen.

So entschieden die Spätentscheider

Die zugrunde liegende Gleichung für das Ergebnis einer Partei ist sogar relativ einfach:

(Ergebnis unter entschlossenen Wählern × Anteil entschlossener Wähler) + (Ergebnis unter unentschlossenen Wählern × Anteil unentschlossener Wähler) = Gesamtergebnis


Punkt- vor Strichrechnung, die Klammern dienen nur der Übersicht.

An einem Beispiel lässt sich das womöglich einfacher zeigen. Für die CDU/CSU gilt 2005, dass sie knapp drei Wochen vor der Wahl im Mittel aller Umfrageinstitute (außer GMS) bei 42,6% stand, und ein Drittel der Wähler galt (und gilt) als unentschlossen. Im Ergebnis kam sie auf auf 35,2%, was für unsere Formel bedeutet:

(42,6% × 2/3) + (Ergebnis unter unentschlossenen Wählern × 1/3) = 35,2%

Der Anteil unter den Spätentscheidern lässt sich durch einfache äquivalente Umformungen herausfinden, er lag bei 20,2%. Voraussetzung für diese Rechnung ist natürlich, dass das Ergebnis der Demoskopen zum jeweiligen Zeitpunkt stimmte, dass der Anteil der unentschlossenen Wähler korrekt erfasst wurde und dass auch die Befragten, die sich als entschlossen verkauften, ihre Meinung nicht mehr änderten. Also bitte überall eine Rundungstilde denken, außer natürlich beim Endergebnis 😉

Nun kann man dieses Modell ja zumindest theoretisch relativ leicht auf andere Parteien übertragen – und, mit den gegebenen Daten für Umfrageergebnisse und den Anteil noch nicht entschlossener Wähler, auch für 2009 (wieder unter den gleichen Annahmen wie oben). Genau das tun die nachfolgenden Tabellen, zunächst für die Bundestagswahl 2005.

Berechnungen zu unentschlossenen Wählern, Bundestagswahl 2005
Allensbach (30.8.) Emnid (30.8.) Forsa (29.8.) Forschungsgruppe Wahlen (Projektion, 26.8.) Infratest (1.9.) Mittelwert Ergebnis Einfache Berechnung Mobilisierungsfaktor
CDU/CSU 42% 42% 43% 43% 43% 42,6% 35,2% 20,2% 0,57
SPD 30% 30% 30% 30% 32% 30,4% 34,2% 41,9% 1,23
Grüne 7% 7% 7% 8% 7% 7,2% 8,1% 9,9% 1,23
FDP 7% 7% 8% 8% 6% 7,2% 9,8% 15,1% 1,54
PDS/Linke 10% 10% 8% 8% 9% 9,0% 8,7% 8,1% 0,93

Was genau ist dieser Faktor da rechts? Nun, statt eines absoluten Anteils an den Wählerstimmen der Spätentscheider kann man auch überlegen, wie sich der Stimmenanteil relativ zu den Umfragen verhalten hat. Das heißt, wenn die CDU/CSU 2005 20,2% aus der Kategorie erhielt, entsprach das dem 0,57fachen ihres Anteils bei bereits entschiedenen Wählern. Auch dieses Prinzip lässt sich wieder in die Zukunft übertragen und hat den Vorteil, dass es die jeweilige gemessene Stimmung in mitberücksichtigt, statt einfach absolut Zahlen von vor vier Jahren zu benutzen. In gewisser Weise ist diese Zahl der „Mobilisierungsfaktor“ unter den Spätankreuzern.

Vor drei Wochen, um die Vergleichbarkeit zu obiger Tabelle zu wahren, wäre das Ganze so gewesen (Annahme: 33% unentschlossene Wähler):

Berechnung zu unentschlossenen Wählern, Bundestagswahl 2009, ca. drei Wochen Abstand
Allensbach (9.9.) Emnid (9.9.) Forsa (9.9.) Forschungsgruppe Wahlen (Projektion, 4.9.) Infratest (10.9.) Mittelwert Ergebnis bei einfacher Berechnung Berechnung mit Mobilisierungsfaktor
CDU/CSU 35% 35% 35% 37% 35% 35,5% 30,4% 30,5%
SPD 23% 24% 21% 23% 23% 22,8% 29,1% 24,4%
Grüne 13% 12% 10% 11% 12% 11,3% 10,8% 12,1%
FDP 13% 13% 14% 15% 14% 14,0% 14,4% 16,5%
Die Linke 12% 12% 14% 10% 12% 12,0% 10,7% 11,7%

Die Umfragen sind allesamt ein wenig später erschienen, der Befragungszeitraum jedoch fällt einigermaßen in die Drei-Wochen-Distanz. Trotzdem Rundungstilden denken. Erkennbar ist, dass der Mobilisierungsfaktor die jeweilige Stimmungslage stärker berücksichtigt, also die SPD weniger abheben lässt als die einfache Berechnung.

Noch immer gelten ca. 26% der Wähler unentschlossen (manche Medien sprechen weiter von einem Drittel). Wenn das stimmt, erhalten wir in Zusammenhang mit den beiden letzten Umfragen folgendes Resultat:

Berechnung zu unentschlossenen Wählern, Bundestagswahl 2009, ca. eine Woche Abstand
Allensbach (22.9.) Forsa (25.9.) Mittelwert Ergebnis bei einfacher Berechnung Berechnung mit Mobilisierungsfaktor
CDU/CSU 35% 33% 34,0% 30,4% 30,2%
SPD 24% 25% 24,5% 29,0% 25,9%
Grüne 11% 10% 10,5% 10,4% 11,1%
FDP 14% 14% 13,8% 14,1% 15,7%
Die Linke 12% 12% 11,8% 10,8% 11,5%

Ich kann nicht müde werden, darauf hinzuweisen, dass dieser Vergleich heftige Voraussetzungen hat und eine weitere natürlich ist, dass sich der Mobilisierungsfaktor einigermaßen konstant verhält. Zudem rechne ich, dazu in einem späteren Beitrag, mit einigen Abweichungen bei FDP, Linken und Grünen, auch darf man den nun entfallenen Schröder-Faktor nicht außer acht lassen. Ich rechne auch nicht damit, dass die CDU ernsthaft nur knapp dir Dreißiger-Hürde überschreiten wird (wenngleich mich ein Unterschreiten weniger verwundern würde als ein Überschreiten bei der SPD).

Dennoch sollten CDU/CSU und FDP für Sonntag sicherheitshalber auch Selters in den Kühlschrank stellen.

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