Wahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin: Wie waren die Umfragen?

Politik

Die Landtagswahlen des vergangenen und vorvorvergangenen Sonntages ziehen immer noch ihre Kreise. Berechtigte oder gespielte Empörungswellen, Koalitionsverhandlungen, Personaldebatten. Soweit, so absehbar. Wobei ich nicht müde werde zu betonen, dass das Abschneiden der Union im Nordosten nicht genügend Beachtung findet in seiner Tragweite.

Die Fragestellung in diesem Beitrag aber lautet: Wie gut waren die Umfragen darin, die Stimmungslage abzubilden? Auch wenn die Erhebungen der Institute keinen Anspruch haben, Prognosen zu sein, liegt es naturgemäß in ihrem Interesse, dass die ermittelten Werte kurz vor einer Wahl nicht massiv von dessen tatsächlichem Ergebnis divergieren sollten. Und da die wöchentlichen Wasserstandsmeldungen Nachrichten und Diskussionen der Gesellschaft wesentlich beeinflussen, lohnt ein Blick auf ihre „Präzision“.

Normale Fehler und interessante Abweichungen

Grundsätzlich sind Schwankungen hier zu erwarten. Wer sich noch an die Statistik-Monate im Mathematik-Unterricht, weiß, dass repräsentative Daten zwar mit einer hinreichend großen Stichproben gut zu erreichen sind, aber immer eine Schwankungsbreite haben, üblicherweise von einem bis zwei Prozentpunkten. Wird auch bei den seriösen Organisationen mit angegeben. Dementsprechend wäre es gar nicht zu erwarten, dass alle Umfragen-Mittelwerte alle tatsächlichen Wahlergebnisse exakt spiegeln, das wäre selbst bei „perfekt“ gewähltem Sample schlichtweg ein Zufall.

Gleichzeitig gilt aber auch: Schwankungen gelten in beide Richtungen. Dementsprechend sollten sie von Verfahren wie etwa Mittelwerten oder komplexeren Modellen wie ehemals Fivethirtyeight et al. ausgeglichen werden können.

Wirklich interessant sind systematische Unter- oder Überbewertungen, weil diese uns Auskunft geben, wo es in der Modellierung tatsächlich hakt. Sind Anhänger:innen einer bestimmten Partei grundsätzlich weniger offen, an Umfragen teilzunehmen? Greifen Effekte wie soziale Erwünschtheit? Das schauen wir uns jetzt mal an.

Schwankungen in alle Richtungen

Für ein Großteil der Parteien, die im statistisch erfassbaren Bereich umherwuselten, sind die Resultate erwartungsgemäß heterogen.

SPD – Sachsen-Anhalt 7,75% Umfragen-Mittelwert, 9,3% Wahlergebnis; Mecklenburg-Vorpommern 36%, 35,5%; Berlin 12%, 12,1%.
Umfragen-Mittelwert (jeweils veröffentlicht in der Woche vor der Abstimmung) und tatsächliches Landtagswahlergebnis für die SPD. Lesebeispiel: In Sachsen-Anhalt kam Die Partei auf rund 7% in den Umfragen und erhielt letztlich knapp 10%. Genaue Werte im Beschreibungstext des Bildes.

Für die SPD etwa gilt: Kein magisches Umfragen-Überholen im Norden, keine Dynamik in Berlin, besseres Abschneiden als erwartet in Sachsen-Anhalt als mögliches Artefakt von Last-Minute-Taktischen-Wähler:innen.

Bündnis 90/Die Grünen – Sachsen-Anhalt 5,5% Umfragen-Mittelwert, 8,9% Wahlergebnis; Mecklenburg-Vorpommern 5%, 5,7%; Berlin 15%, 14,3%.
Umfragen-Mittelwert und tatsächliches Resultat für Bündnis 90/Die Grünen. Genaue Werte in der Bildbeschreibung.

Bündnis 90/Die Grünen profitierten insbesondere in Sachsen-Anhalt von einer wohl taktisch getriebenen Last-Minute-Mobilisierung, die in den Umfragen nicht abgebildet wurde, in Berlin ging auf der Schlusslinie die Puste aus.

Linke – Sachsen-Anhalt 11,75% Umfragen-Mittelwert, 8,6% Wahlergebnis; Mecklenburg-Vorpommern 9,5%, 6,5%; Berlin 21,5%, 25,7%.
Umfragen-Mittelwert und tatsächliches Resultat für die Linke. Genaue Werte in der Bildbeschreibung.

Für die Linke gilt das Gegenteil: In Sachen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern weniger Mobilisierung als erwartbar, in Berlin ein fulminanter Schlussspurt – möglicherweise auch deswegen in den Umfragen nicht gut abgebildet, weil besonders viele junge Wähler:innen der Partei die Stimme gaben, die besonders schwierig zu erreichen und spekulativ zu modellieren sind.

AfD – Sachsen-Anhalt 42% Umfragen-Mittelwert, 43,8% Wahlergebnis; Mecklenburg-Vorpommern 36,5%, 38,2%; Berlin 18%, 16,3%.
Umfragen-Mittelwert und tatsächliches Resultat für die AfD. Genaue Werte in der Bildbeschreibung.

Für die AfD gilt: In den Flächenländern konnte sie gegenüber den Umfragen noch einmal gut zulegen, in Berlin dagegen liefen sie unter dem lange ermittelten Wert ein.

Eine mögliche Hypothese all dieser Werte ist, dass die etwa von Campact gefahrene Initiative zum Taktischen Wählen eine Mobilisierung gerade für SPD und Grüne in den Flächenländern erzeugte von Menschen, die diese Parteien sonst nicht wählten. Und analog eben dort für die AfD. Und dass es in Berlin zu einem Showdown kam zwischen Linken und CDU, von dem letztlich alle anderen hinterlassen wurden.

Immer über- oder unterschätzt

Womit wir zu den besonderen Demoskopie-Spezis kommen: BSW und CDU. Beginnen wir mit der Sahra-Truppe.

BSW – Sachsen-Anhalt 4% Umfragen-Mittelwert, 5,3% Wahlergebnis; Mecklenburg-Vorpommern 3,5%, 4,8%; Berlin 4,5%, 4,7%.
Umfragen-Mittelwert und tatsächliches Resultat für das BSW. Genaue Werte in der Bildbeschreibung.

Das BSW wurde, wie auch schon zur Bundestagswahl, in der Mitte praktisch immer jenseits seiner tatsächlichen Zustimmung gemessen, eine einzige Umfrage in Berlin sah es bei 5%. Das mag auf das atypische Wahl- oder Antwort-Verhalten der Anhänger:innen zurückzuführen sein. Es bleibt in jedem Fall eine Herausforderung, der sich die Demoskopie stellen muss, auch wenn es in zwei von drei Fällen nicht für den Einzug ins Landesparlament reichte.

CDU – Sachsen-Anhalt 22,5% Umfragen-Mittelwert, 17,2% Wahlergebnis; Mecklenburg-Vorpommern 6,5%, 4,9%; Berlin 20%, 18,8%.
Umfragen-Mittelwert und tatsächliches Resultat für die CDU. Genaue Werte in der Bildbeschreibung.

So. Und damit zum größten Verlierer der letzten Wochen in so ziemlich jeder Hinsicht, und im Gegensatz zum BSW auch jenseits von strikten „Aber das war innerhalb der angegebenen Fehlertoleranz!“-Diskussionen. Die Union hat bei allen Wahlen deutlich Federn gelassen, und zwar jeweils mehr als aus den Umfragen angenommen. Das Ergebnis in Berlin ist dabei noch mit am Besten – wohl auch, weil die Union mit Not-Spitzenkandidat Evers etwas in den finalen Zweikampf werfen konnte.

Warum die massiven Abweichungen? Zum einen, weil jenseits von Berlin realistische Perspektiven als Motivation fehlten. Und weil das zum anderen nun so weit greift, das grundsätzliche demoskopische Annahmen über die Union in Frage gestellt werden müssen. CDU-CSU-Wähler:innen sind meistens etwas älter und, keine große Überraschung, konservativer. Die gehen wählen, das gehört sich so. Und die sind zumindest ein klitzekleinwenig weniger wechselwillig als andere.

Damit ist es vorbei, und meine Vermutung ist, dass das sich auch alsbald in modifizierten Werten auf der Bundesebene spiegeln wird.

Update 5. Oktober 2026: In der Umfrage von letzter Woche fiel die Union bei INSA von 19 auf 18 Prozentpunkte und die AfD machte einen Halbprozenttick auf 30%. Beides kann statistische normale Bewegung sein – es ließe sich aber auch gut erklären mit eben veränderten Gewichtungsmethoden, die zu lasten des Kanzlerpartei-Ergebnisses gehen.

Transparenzhinweis: Durch einen maximal ungünstigen Autokorrektur-Fehler wurde in der Ursprüngsversion das taktische Wählen dem Magazin Compact und nicht der Initiative Campact zugewiesen.

Offenlegung wie immer: FDP-Mitglied von c. 2002 bis 2009, Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen seit 2009, Mitarbeit am Online-Wahlkampf-Tool für ebendiese.

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