Abgeordnetenhauswahlen in Berlin 2026 (3): Umfragen und Koalitionen

Berlin • Politik

Diese Wahl hatte alles. Den Rücktritt eines Spitzenkandidaten zweieinhalb Monate vor dem Termin. Vertauschte Stimmzettel. Staatsanwaltliche Ermittlungen gegen einen anderen Spitzenkandidaten zweieinhalb Wochen vor dem Termin. Dennoch: Im Gegensatz zu den Wahlen in Sachsen-Anhalt (vergangen) und Mecklenburg-Vorpommern (künftig, zeitgleich!) gilt für den Urnengang in der Bundeshauptstadt, dass die möglichen Regierungskoalitionen rechnerisch entschieden scheinen. Dass die Abstimmung am kommenden Sonntag lediglich dazu dient, die Reihenfolge und mögliche Anspruchshaltungen zu festigen. Und welche der beiden wahrscheinlichen Optionen dann kommt, hängt primär ab von den in beiden Fällen involvierten Wahrscheinlich-Junior-Partnern, der SPD und Bündnis 90/Die Grünen.

Diagramm mit Umfragewerten, Mittelwert und Daten von FGW und INSA: CDU – 20% (20%, 20%); SPD – 12% (12%, 12%); Bündnis 90/Die Grünen – 15% (15%, 15%); Linke – 21,5% (21%, 22%); AfD – 18% (18%, 18%); BSW – 4,5% (5%, 4%).
Diagramm mit den in der Vorwahl-Woche veröffentlichten Werten der Umfrageinstitute. Quelle wie immer wahlrecht.de, genaue Zahlen in der Bildbeschreibung.

Ist das so? Wird Berlin wirklich nur die Wahl haben zwischen Kenia und Rot-rot-grün? Ein erster Blick auf die aktuellen Umfragen bestätigt diesen Eindruck. CDU und Linke wechseln sich an der Spitzenposition ab, tendenziell mit leichtem Strukturvorteil für die Linke, auch weil das Thema Wohnen prominent bleibt und die CDU nicht gut aussehen lässt.

Die „Große“ Koalition mit Wegner und Giffey hat, wie ebenjene Personen, keine politische Zukunft. Giffeys Hoffnung, wie die saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger aus einer Junior-Position als Ministerpräsidentin zurückzukehren: Leider nein, leider gar nicht.

Auswirkungen eines möglichen BSW-Einzugs

Gibt es sonst noch irgendwie denkbare Zweier-Koalitionen? Eralp und Evers wäre zwar eine sensationelle Buddy-Cop-Idee mit unangeahntem kreativen Potenzial, praktisch habe beide jedoch jede Zusammenarbeit ausgeschlossen. Mit der AfD möchte auch niemand zusammenarbeiten außer vielleicht das BSW so halb. Wie sieht also mit Zweier-Bündnissen mit den Grünen aus? Weder mit CDU noch mit der Linken kommen diese in einer einzigen Umfrage seit 2024 auch nur auf 40%. Also nein.

Und andersherum gefragt: Existieren Szenarien, in denen es für Kenia oder Rot-rot-grün nicht reicht? Ja. Diese brauchen etwas Kreativität, sind aber keineswegs am Rand zur Absurdität. Insbesondere brauchen sie das BSW.

Nach meinem Dafürhalten ist es eher wahrscheinlich, dass die Institute Sahras Truppe in Berlin unterschätzen, wie es in Sachsen-Anhalt passierte (und richtig, ich nehme an, das gleiche gilt für Mecklenburg-Vorpommern). Sollte das Bündnis ins Abgeordnetenhaus einziehen und gleichzeitig die CDU und die SPD schwächeln, mit sagen wir 18 und 10 Prozent Zustimmung beim aktuellen Grünen-Durchschnittswert, wäre auch die Mehrheit für eine Kenia-Koalition dahin.

Die Union läuft gerade in Berlin meiner Meinung nach ein nicht so hohes Risiko für ein deutlich schlechteres Abschneiden – Evers ist ein kompetenter Spitzenkandidat, dem die Skandale des Vorgängers nicht anheften, die Kampagne setzt auf zwinkerzwonkerbräsige Sprüche. Für die SPD? Kann es angesichts der aktuellen Ermittlungen gegen ihren Spitzenkandidaten noch einmal schlimmer werden als ohnehin gedacht. In einer solchen Situation wäre also tatsächlich eine R2G-Koalition die einzige Möglichkeit.

Tortendiagramm auf Basis der Durchschnittswerte aber MIT einem BSW mit 4.5%-Tortenstück. Erkennbar, dass die Mehrheit aus Schwarz, Rot und Grün nur noch knapp über die Hälfte reicht.
Sollte das BSW ins AGH kommen, schmilzt die Mehrheit für Kenia empfindlich.

Für den umgekehrten Gedankengang – ein besonders schlechtes Abschneiden der Linkspartei, so dass nur noch Evers-Graf-Krach als Option verbleibt, sehe ich (noch) weniger Anhaltspunkte.

Fazit

Der Hauptstadt-CDU gelingt besser als anderen Landesverbänden, dem politischen und demoskopischen Gegenwind aus dem Bundeskanzleramt zu trotzen. Dennoch wird trotz der Gedankenspiele oben wahrscheinlich die Regierungsbildung eine rein politische Frage. Wenn die Linke den Volksentscheid zur Enteignung großer Immobilienkonzerne unbedingt ins Regierungsprogramm aufnehmen möchte und die SPD aber auf gar keinen Fall, die Berliner Grünen aber die CDU eigentlich in die Opposition schicken wollen, bleibt wie so oft keine zufrieden stellende Option.

Aber immerhin was zum Meckern.

Offenlegung wie immer: FDP-Mitglied von c. 2002 bis 2009, Mitglied bei Bündnis 90/Die Grünen seit 2009, Mitarbeit am Tool für die Online-Kampagnenplanung. Kein Amt oder Mandat angestrebt, am kommenden Sonntag wieder einmal Mitglied in einem Wahlvorstand.

One Reply to “Abgeordnetenhauswahlen in Berlin 2026 (3): Umfragen und Koalitionen”

  1. Magiz sagt:

    Rücktritt, vertauschte Stimmzettel und staatsanwaltliche Ermittlungen — diese Wahl klingt wie ein politischer Krimi. Solche Dichte an Drama auf Landesebene ist selbst für Berlin ungewöhnlich. Bin sehr gespannt, welche Koalitionsrechnungen am Ende aufgehen.