Das Hinterfragen meiner Wertung fängt bei mir im Prinzip in dem Moment an, wo ich einen Text verschicke oder früher final ins Layout gab. War das jetzt zu streng, zu gnädig, habe ich irgendetwas offensichtliches übersehen? Und wie gut gibt die Wertung tatsächlich das gesamte Spielerlebnis wieder, ist ja auch alles systemabhängig und so (siehe die entsprechende Kolumne), aber die grundsätzliche Einschätzungskompetenz sollte nicht in Frage gestellt werden..
Das hatte ich auch bei Gerda – A Flame in Winter schon aufgeführt – einem Spiel, bei dem etwa drüben bei Gameswelt wesentlich mildherziger über die Schwächen hinweggesehen wurde. Jüngst bei den Pioneers of Pagonia stand ich in der öffentlichen Debatte lang alleine dar.
Und, richtig, bei Copa City ging mir das ebenso. Als ich in das IGN-Interface die 6 von 10 respektive 60 für Metacritic eintrug, ging es wieder los. Lag es vielleicht an mir? Die haben doch so viele Erklär-Videos zu den Features gemacht, das sollte doch eigentlich besser von der Hand laufen? Hätte ich noch ein, zwei mehr Anläufe nehmen sollen, vielleicht noch eine Rückfrage ans Dev-Team schicken? Was, wenn die halbe Welt den Fußball-Manager für eine grandiose Mischung aus Anstoss und Rollercoaster Tycoon hält?
Nicht nur die Einschätzungskompetenz wäre damit in Frage gestellt, sondern auch die eigentliche Spiel-Fähigkeit.
Jetzt hat der Titel auf Metacritic genügend Wertungen aggregiert und ich bin erleichtert. Nicht nur, weil der grundsätzliche Bewertungskorridor recht eng ausfällt, sondern auch, weil das Warum recht unisono ist. Ich schrieb bekanntermaßen, dass hier eine tolle Idee vorliege, die prima funktionieren könnte, sich aber durch ein kaum zu durchschauendes Interface und einige bizarre Systeme verdribbelt. Analoge Zitate etwa Copa City offered an unconventional concept but stumbled by being more complex than fun. oder Copa City stands out with its original concept and detailed micro-management, but a clunky interface and awkward controls often get in the way. Auch drüben bei Gameswelt war man ohne Zahlen-Fazit dennoch wenig glücklich: Für mich bleibt Copa City daher noch ein müder Sonntagskick, der bei seiner Aufstellung aber viel mehr erwarten ließ.
Möglicherweise war ich die letzten Wochen diesbezüglich also etwas nervös, frage mich jetzt aber auch wieder: Lässt sich daraus ein Allgemein-Platz ableiten Wie „Im Zweifel gegen das Spiel“? Wann immer ich in der Vergangenheit Mildherzigkeit walten ließ, fiel es mir eher auf die Füße. Das liegt einerseits sicherlich in der Natur von Kommentarspalten und Feedback-Schleifen. Und umgekehrt gibt es angesichts der enormen Bandbreite immer irgendein Medium, dass selbst praktisch universell gelobte Titel bekritteln wird.
Kann ich daraus folgern, eben einfach immer meinem Urteil zu vertrauen? Ich mache den Job ja auch schon ein paar Tage und so weiter? Auch nicht ganz, denn ich finde es per se immer wichtig, wirklich zu hinterfragen. Gerade bei besonders kritischen Urteilen kommt im Jahr 2026 ja ein ordentlicher Überraschungsfaktor hinzu, weil wirklich schlechte Spiele selten geworden sind.
Ich habe an dieser Stelle keinen klugen Abschlussgedanken oder Aphorismus, wollte aber einmal ausführen, was in meinem Kopf so vorgeht. Denn die Kritik an wirtschaftlich wichtigen Produkten, in die Menschen viel Leidenschaft und Überlegungen gesteckt haben, verdient ihrerseits eine stete Introspektion.
