Es gibt in der Politik eine Reihe von Arbeitsgebieten mit genuin schwierigen Situationen. Auf Landesebene offensichtlich undankbar ist die Bildungspolitik, in Berlin quasi seit jeher Garant für schlechte Nachrichten (enttäuschte auch diese Woche wieder nicht). Verwaltungsreformen: Ebenfalls eine enorme Herausforderung, mächtige Gegenspieler überall – und am anderen Ende die Erwartungshaltung der Bürger:innen, dass der Staat eben funktionieren soll. Das hat Kai Wegners Regierung hinbekommen, sowohl in der allgemeinen Auffassung als auch persönlich anekdotisch.
Und dann gibt es da auch den Bereich der niedrig hängenden Früchte. Da braucht es kein besonderes Gespür für die Lage im Raum. Kein Abwägen von drei Interessensverbänden. Keine Last-Minute-Intrige des Kreisverbandsvorsitzenden, der jetzt Rache für den schlechten Listenplatz des Großonkels 1967 nehmen möchte. Einfach das offensichtlich Richtige machen und am Ende Checker-Punkte einsammeln.
Daran ist Kai Wegner gescheitert.
Extern hervorgerufene Krisen wie Naturkatastrophen oder Terror-Anschläge sind auch für Politiker:innen im intellektuellen Energiesparmodus ein Geschenk. Ins nächste Luft- und Landfahrzeug hinsetzen. Warnweste, Helm, Gummistiefel, Schaufel, irgendwas griffiges an.
Unbürokratische Hilfe versprechen. Eine Untersuchung ohne Scheuklappen. Wenn möglich, das Auffinden der Verantwortlichen, volle Härte des Rechtsstaates, wissenschon.
Es ist wirklich nicht so schwierig. Gerhard Schröder hat auf die Weise seine fast aussichtslose Wiederwahl 2002 doch noch hinbekommen. George W. Bush erreichte die höchsten jemals für einen Präsidenten gemessenen Zustimmungswerte nach den Anschlägen vom 11. September. Rally-round-the-flag-effect nennt das die Politikwissenschaft.
Die Hürde scheint aber vielen zu hoch: Hannelore Kraft im Funkloch. Anne Spiegel wird alles etwas zu viel und kurz nachdem die Ahr über die Ufer tritt, gönnt sich die Umweltministerin einen vierwöchigen Urlaub. Armin Laschet lacht.
Manches aus dieser sehr unvollständigen Liste davon kann man als aufgebauscht betrachten. Doch grundsätzlich haben die Leute die Erwartungshaltung: Minister:innen, erst recht die Ministerpräsidentin oder der Regierende Bürgermeister, müssen auch mal etwas persönlich zurückstecken in solchen Situationen. Auch das – und etwa die Auswirkungen auf die Familie – lässt sich diskutieren. Wäre der Stromausfall in Berlin wirklich schneller behoben geworden oder Vor-Ort-Informationen besser verfügbar gewesen, wenn Wegner vor Ort gewesen wäre, statt nur zu telefonieren Tennis zu spielen? Wohl kaum.
Der psychologische Vertrag hier mag nicht fair oder ganz plausibel erscheinen, aber… es ist einfach. Stromausfall im Südwesten, der größer werden könnte und schließlich zehntausende in einem kalten Januar frieren lässt? Heute bleiben die Tennis-Schläger1 auf der Kommode.
Ganz womöglich wäre Wegner sogar damit durchgekommen und es wäre nur ein weiterer Angriffspunkt neben der umstrittenen Park-Umzäunung und der unglücklichen Fördermittelvergabe. Dann setzte Wegner auf den verschossenen Elfmeter auch noch eine Schwalbe vor den VAR-Kameras2 hinzu: Diese Lügen kommunikativen Fehler kosteten ihn letztlich die Kandidatur.
Auch wenn sich die Medien, allein voran der Tagesspiegel, durchaus auf die Schulter klopfen können – auch die eigentlich inzwischen weit abgerutschte SPD könnte hier einen Einfluss gehabt haben. SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach hatte eine Koalition mit der Wegner-CDU zu Beginn der Woche ausgeschlossen und damit faktisch der CDU jede Machtoption genommen, was womöglich auch einige Kreisvorsitzende hat zum Telefon greifen lassen. Denn, soviel Spoiler für die künftigen Beiträge: Es läuft darauf hinaus, dass sich Bündnis 90/Die Grünen und SPD den Koalitionspartner aussuchen werden können.
Neuer Kandidat, neues Glück?
Jetzt also Stefan Evers. Last-Minute-Wechsel der Spitzenkandidaten gibt es verdammt selten – ins Gedächtnis kommen die letzte Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten oder der Rücktritt von Björn Engholm 1994. Da wir weder von Präsidentin Harris noch von Bundeskanzler Engholm wissen: Wunder sind damit nicht möglich, eher Schadensbegrenzung.
Aufgrund der komplexen Parteien-Arithmetik in Berlin kann das aber sogar genügen.
Update 18. Juli 2026: Hat nichts mit Berlin zu tun, aber auch der Rücktritt Jens Spahns fällt in die Kategorie „jenseits aller Partei-Brillen offensichtliches Fehlverhalten“, in diesem Fall die offensichtlichst nur denkbare Doppelmoral. Man kann sich drehen und wenden und jeden Masken-Deal irgendwie schönreden (auch wenn man damit Dauergast beim Postillon wird), aber kein rhetorisches Stilmittel der Welt befreit aus A öffentlich ablehnen, A privat machen.
Offenlegung: Ich war von c. 2002 bis 2009 Mitglied der FDP und bin seit 2009 Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen. Bei der kommenden Wahl strebe ich weder auf Landes- noch Bezirksebene ein Mandat oder Amt an. Ich arbeite am Online-Wahlkampftool von Bündnis 90/Die Grünen mit.
- Schreibe ich diesen Beitrag während des Herren-Wimbledon-Finals? Kann gut sein. ↩︎
- Schreibe ich diesen Beitrag Stunden nach einer durch den VAR verpetzten Schwalbe? Kann gut sein. ↩︎
