Anlässlich meines Rückblicks auf die Geschichte dieses Blogs, das ursprünglich als Brunch-Tagebuch begann, führte ich ja auf, dass es viele Verluste in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten gab. Online bezog sich das auf den Link Rot, der das Nachvollziehen vergangener Diskussionen heutzutage fast unmöglich macht. Und offline auf Restaurants, die im Laufe der Zeit aufhörten zu sein, etwa das Blaue Band.
Ich hätte ehrlicherweise nie gedacht, dass das Sowohlalsauch einmal dazu gehören würde. Doch es soweit: Zum Ende des Monats schließt das Café in der Kollwitzstraße nach 28 Jahren.
Es fällt mir schwer, die Erinnerungen an den Laden überhaupt in einen Beitrag zu packen. Es begann damit, dass in einem Booklet des tip oder der Zitty (RIP) zu Frühstücken in Berlin aus dem Jahr 2003 das Sowohlalsauch hervorstach, weil es bereits um 8 Uhr öffnete. Für Dreizehnte-Klasse-Ich war das aus einem sehr pragmatischen Grund wichtig: Schwimmen, 0. und 1. Stunde (7 Uhr am Beckenrand, Schwimmhalle Holzmarktbrücke, ebenfalls aktuell außer Betrieb) – und dann zwei Freistunden am Freitag. Zu kurz für eine Rückfahrt nach Hause – die Mitschüler:innen hingen in unserem Unicum-Aufenthaltsraum an der Schule ab. Geht, ist aber auch sehr abgeranzt.
Aber wie wäre es denn stattdessen mit einem (für Café-Verhältnisse frühen) Frühstück am Freitag? Nicht nur von der Bäckerei am U-Bahnhof, sondern schon so ein wenig Gönnung. Gerne doch.
In den folgenden Jahren war das Sowohlalsauch eines meiner Stammcafés. Wirklich unzählige Individualerlebnisse. Heizpilze (ja ich weiß!), als sie in Berlin noch erlaubt waren, für ein Widerstand-gegen-das-Wetter-Käffchen. Eine kleine Pause bei einem meiner (ganz wenigen) durchgearbeiteten Uni-Nächte (daraus entstand eine relevante Hausarbeit). Projektbesprechungen. Ein aufmunterndes Gespräch, ehe ich mit einer Freundin das Aufnahme-Wochenende für die inzwischen geschlossene Akademie L4 durchzog. Mein Postfach ist voll mit Mails der Marke „Wollen wir uns da mal treffen am Samstag.“
Tatsächlich war mein Gefühl, wann immer ich in der Gegend war – fußläufig lag das Café seit meinem letzten Umzug nicht mehr -, dass es doch immer noch läuft. Siehe auch diesen Foursquare-Eintrag von Timehop:

Gut, in der Woche früh gab es immer viele Stühle, aber wo ist das nicht der Fall? In der Realität hatte die Situation sich jedoch gedreht: Die Pandemie, lange Bauarbeiten, die natürlich das Draußensitzen wenig attraktiv machen – und, schwieriger festzumachen, ein womöglich schleichendes Ausderzeitfallen. Das mir nicht auffiel, weil ich die Klimmt-Bilder, den Charme der geschwungenen Schriftarten und die an Wiener Kaffeehauskultur erinnernde Kultur und Küche für zeitlos hielt als ewigen Wegpfeiler der Kiez-Aufwertung im Prenzlauer Berg. Der Markt aber anscheinend nicht. Die Namen der Frühstücksgerichte nach Städten – das Croissant: Paris, das Müsli: Basel, der Lachs: Oslo, das Feta-Rührei: Mykonos… – waren für mich Zeichen von Beständigkeit und Konstanz. Vielleicht wirkten sie aber ganz anders auf die Cookies-für-fünf-Euro-Crowd der 2020er-Welle.

So ging ich kürzlich noch einmal für ein Stück Kuchen und einen Kaffee trinken. Währenddessen kamen etliche weitere Gäste zum kurzen Plausch vorbei. Das gegenüberliegende Anna Blume (hier mein Bericht) bleibt einstweilen erhalten – es war von den Bauarbeiten nicht so direkt betroffen; interessant daran ist die Verbandelung mit dem Sowohlalsauch – einer der Geschäftsführer des Anna Blume leitete das Sowohlalsauch, die zweite von drei Geschäftsführer:innen ist seine Frau, der Anna-Blumen-Kuchen kam vom Sowohlalsauch.
Auch wenn das Ende natürlich nicht das gewünschte ist, sollte festgehalten werden: 28 Jahre, das sind in der Gastro eine verdammt lange Zeit. Alles Gute allen Beteiligten, und vielen Dank für zahlreiche entspannte Stunden.
