Nachdem meine jahrelangen Thinkpieces im Verlauf des Dramas zu Die Siedler 8 (wie Neue Allianzen tatsächlich natürlich nie hieß) letztlich dafür sorgten, dass ich seit knapp vier Jahren wieder mehr frei schreibe, hat sich der Spannungsbogen der Ursprungsgeschichte nun in Gänze vollendet. Pioneers of Pagonia, das Spiel des Siedler-Erfinders Volker Wertich, der am 2023er-Siedler bis kurz vor Schluss beteiligt war und dann ausstieg, nicht ohne praktisch am Release-Tag sein Konkurrenzwerk anzukündigen, erscheint in Version 1.0. Und, richtig, drüben bei Gameswelt gibt es einen Test.
Wie ich damals in meiner Kolumne bei Gamersglobal ausführte: Es ist kompliziert. Der gesamte Ablauf der Ereignisse legte eine Erzählung der unterdrückten kreativ Schaffenden nah, die von den Grauen Herren im Hause Ubisoft drangsaliert wurden, was aber schon damals zu kurz griff; auch deswegen, weil Die Siedler 8 eben zeit seiner gesamten Entwicklung jede Menge gehobene Augenbrauen kassierte.
Dennoch war es natürlich spannend zu sehen, wie denn eine befreite Neuinterpretation des Konzeptes aussehen könnte. Das Resultat ist ein Spiel, dem gerecht zu werden sich wirklich herausfordernd darstellt. Das ich wirklich mögen wollte, aber das dann doch so viele Eigenheiten hat. Einige davon liegen schlichtweg daran, dass die Möglichkeiten von Envision Entertainment natürlich nicht die einer Ubisoft sind. Wiederum andere sind aber… Entscheidungen.
Tatsächlich bin ich auch nicht mit der Einstellung an Pioneers of Pagonia rangegangen, es bewusst mit Siedler 2 und 3 zu vergleichen, es drängte sich aber beim Spielen auf. So viele Mechaniken wirkten entweder nach einer Hommage oder einer Weiterentwicklung der Klassiker. War das gewollt? Eine Eingebung einzelner oder kollektiver Unterbewusstseinsströme? Oder eine Folge davon, wie sich ein „Siedler“-like eben ergibt?
Mit dem geistigen Vorgänger verbinde ich wie so viele Menschen haufenweise Erinnerungen. In der siebten Klasse erst zur dritten Stunde da sein müssen und deswegen die frühen Morgenstunden beim Banknachbar verbringen, dessen Vobis-PC irgendwie moderner rattert als unsere Escom-Möhre. Und in den kleinen Texten sowohl tatsächliche Geschichte als auch emergentes Narrativ erleben.
Zur Wahrheit gehört aber auch, dass gerade Siedler 21 nach ein paar Stunden durch ist. Wie ein Review auf GOG resümierte: Ein Spiel, bei dem man währenddessen ein Buch lesen kann, und trotzdem gut sein. Dass nicht viele wirklich durchgespielt haben, weil es irgendwann doch zu gleichförmig wird.
Bei allen Versuchen, zu modernisieren, auszubauen, neue Systeme anzuflanschen: Auch Pagonia hat diesen Nachteil für mich. Das stimmt mich wirklich etwas traurig – denn so vieles sieht niedlich aus und sollte auf dem Whiteboard funktionieren. Doch vielleicht trägt das Prinzip im Jahr 2025 nicht mehr.
Zum Test auf Gameswelt.
Update 10. Dezember: Der Rest der bisher veröffentlichten Tests ist dem Spiel deutlich wohlgesonnener. Martin Deppe sagt zwar auch, dass es „nichts für Ungeduldige“ sei, gibt aber insgesamt eine 85 mit dem großen Pluspunkt „wie früher siedeln“. Viktor Eppert bei PC Games spricht von einem würdigen Siedler-Erbe bei einer 8.0/10.
Update 11. Dezember: Auch mein Bewusstseinsstrom-Auftraggeber Gamersglobal zieht ein positives Resümee. Der Test sieht zwar die gleichen Kritikpunkte wie ich – insbesondere Kampagne und Kampfsystem -, aber führt an, dass der Aufbau-Part das alles überwiegt.
Update 23. Dezember: Seit nunmehr knapp zwei Wochen ist im entsprechenden Kommentar-Thread die Diskussion über Pagonia am Laufen. Zivilisiert, aber dennoch mit Nachdruck haben einzelne User in der Tat die gleichen Kritikpunkte (oder sogar noch schärfere) als ich, was mich etwas weniger an meiner Urteilskraft zweifeln lässt. Auszugsweise dazu: „Warum kann man nicht Hütten in Häuser aufleveln? […] Zwei verschiedene Arten Brunnen. Auch so ein Quatsch. Was soll der Quatsch mit dem Haupthaus und Gildehaus extra? Warum kann man nicht das Haupthaus aufwerten und dann eben fortschrittlichere Berufe ausbilden. Wachhaus und Wachturm und Entdeckerturm extra. Totaler Quatsch.“ – „Bei Trägern kann man auch mal schnell einen Engpass haben, dann geht dann ne Weile gar nichts mehr, bis neue Häuser da sind. Das halte ich noch für ok in Sachen Schwierigkeit/Herausforderung, die Zahl kann man ja immer sehen.“ Und: „Ich glaube, das Spielsystem ist für mich eher ein Relikt der Vergangenheit. Ich habe Siedler 3 auch dutzende Stunden gespielt, aber im heutigen Umfeld ist mir das einfach zu seicht und anspruchslos. Ich wünsche allen viel Spaß mit dem Titel, die sich daran machen, aber an mir wird er vorbei gehen.“
Epilog
Nach-nachklapp 29. Dezember: Okay, die Gedanken enden doch nicht so schnell. Aber ich glaube, ich kann es auf einen Satz synthetisieren: Pioneers of Pagonia ist das Siedler 3, wenn es nicht zu Zeiten des Echtzeitstrategie-Booms entstanden wäre. Also offensichtlich mit indirektem Kampfsystem, dass formal etwas verfeinert wurde. Aber da – genau wie beim restlichen Spiel – geht letztlich alles nur in die Breite, statt neue oder ausgeklügeltere Mechaniken anzufordern. Noch eine Produktionskette, noch ein Baustoff, noch ein… neuer Typ Brunnen? Es gibt offensichtlich hunderttausende Menschen, die das wollen und mögen – auf mich wirkt das Ganze etwas zu altmodisch.
- Volker Wertich hat an Siedler 2 tatsächlich nicht mitgearbeitet, es ähnelt dem Ursprungswerk aber wirklich massivst und kann daher ohne zu viel Faktencheck-Alarm mit in sein Erbe gezählt werden. ↩︎

