20 Jahre Blog, 25 Jahre Webseiten

Hausmitteilung

Am 22. Juli 2005 installierte ich das erste Mal WordPress auf einem Server, mutmaßlicherweise bei Strato. „Morgenstimmung Berlin“ hieß mein damaliger erster Schreibversuch (auch weil schönere Domänen wie „Guten Morgen Berlin“ schon weg waren), und ich publizierte einen Artikel zum Restaurant Schall & Rauch. Die Idee: Diverse Frühstückscafés, in denen ich ohnehin ein Großteil meiner späten Oberschul- und frühen Hochschulzeit verbrachte, zu beschreiben und tatsächlich zu bewerten mit einem Wertungskasten wie bei Spielezeitschriften. Damals gab es schon/noch Qype und Yelp, aber mir erschien es schöner, das Ganze unter eigenem Namen zu bringen. Nein, ich hatte keine „Influencer“-Ambitionen, sondern tatsächlich ein Online-Tagebuch meiner Frühstückserlebnisse geführt, bis das aufgrund des Umzugs nach Bayern1 entfiel.

Die früheren Online-Versuche

Der Blog war damals nicht meine erste Homepage, denn kurz nach dem Kauf des ersten Modems und den gratis AOL-Stunden bemerkte ich, dass Seiten erstellen Spaß macht. Es begann mit HTML-Emails inklusive Navigation und animierten GIFs, die ich als ZIP-Dateien anhing und an meine Mail-Korrespondenzen verschickte. Netscape Composer ftw!

Im Oktober 1999 erschienen Tempo-Taschentücher mit Motiven des inzwischen verstorbenen Cartoonisten Ulli Stein. Das fand ich witzig. Urheberrechtlich war mir wirklich nicht klar, dass ich die Bilder eigentlich nicht einfach so hochladen sollte, also… tat ich genau das. Packung gekauft, auf den Scanner damit, schon stand mein Tripod2-Project Schnupfenbilder, nur echt mit Gästebuch.

Hinweis: Sämtliche Bilder in diesem Artikel lassen sich mit einem Klick/Tap vergrößern.

Nach diesem allerersten Ausflug wurde klar: Hey, dieses Internet. Macht Spaß, da Sachen reinzuschreiben. Und schreiben tat ich ohnehin in meiner Freizeit, meistens für Teenager-Verhältnisse ganz passable Gedichte, die doch ganz ganz sicherlich der weiten Welt nicht vorenthalten werden sollten? Oder oder? Tatsächlich entstand daraus eine relativ typische „Herzlich willkommen, das bin ich…“-Homepage.

Kurz danach wechselte ich auf die Nutzwertschiene. Und was ist auf einer Oberschule nützlich? Klausurvorbereitungsmaterial… insbesondere sobald herausgefunden wurde, welche Lehrkräfte einfach nur eine Zweijahresrotation durchzogen. Und Hausaufgaben, Hausaufgaben sind auch nützlich. Also bitte, Hausaufgaben und Mitschriften.

Zusätzlich habe auch eine Seite mit meinen Gedichten und Kurzgeschichten (Britney-Fanfiction!) gepflegt, zu der er sogar ein einigermaßen gut besuchten Forum gab. Crazy times. Und eine Hommage-Homepage an das Maskottchen der Berliner Computer-Handelskette JE-Computer, eine Glühbirne namens Eddy.

Und dann eben für ein knappes Jahr ein Frühstücksblog in Berlin; immerhin das Sowohlalsauch hat die Jahrzehnte überstanden. Ein paar Mal ging es um Meta-Fragen wie zum Beispiel einen Wertungskasten am Ende der Artikel, aber insgesamt war das ganze ein relativ stringenter Ansatz. Irgendwann verlängerte ich die Domäne nicht mehr und legte den Datenbank-Export irgendwo ab.

Die Zeit bei PC Games

Im Rahmen meiner zweieinhalb Jahre als Praktikant/Volontär/Leitender bei PC Games hatten wir irgendwann die Idee, dass die Seite mehr Community-Features braucht. Lesertests hatte es schon gegeben (und ich einige geschrieben), jetzt wurde zum Beispiel regelmäßig über den „Lesertest des Monats“ informiert – und für die User gab es auch echte Blog-Funktionalität. Bestimmt auch noch was anderes, aber ich kann mich partout nicht mehr erinnern, was in diesem relativ überfüllten Menü inmitten der Seite noch alles drin war.

Jedenfalls nutzte ich die Gelegenheit (und den mutmaßlicherweise postulierten Ausruf, als Vorbild zu agieren), um ab und an über relativ triviale Dinge kurze Beiträge zu verfassen. Ladenöffnungszeiten. Die Bahn. Kinder Maxi King. Das Ganze bewegte nicht die Welt, war aber ab und an für kleine Threads und Diskussionen gut. Irgendwann 2011 oder so stellte der Verlag das Angebot wieder ein und ich zog die Beiträge per Zwischenablage um.

Der heutige Blog seit 2009

Und damit sind wir bei meinem Blog in der heutigen Ausfertigung. Einmal den Host umgezogen, ein paar Mal die Themes gewechselt (aber jetzt auch wieder seit etlichen Jahren nicht mehr). Der Gedankengang im Frühjahr 2009 lautete: Warum nicht so etwas wie Fivethirtyeight, der damalige Blog von Nate Silver mit seinen Monte-Carlo-Simulationen zum Ausgang der US-Wahl 2008? (Hier bitte kleine Seufzer-Pause denken.)

2009 stand die Bundestagswahl an und auch wenn die diversen Nachrichtenportale einiges versuchten, die Berichterstattung um die Wahl interessant zu gestalten, waren die datenjournalistischen Ausflüge vorsichtiger. Also warf ich in den langen Pendel-Abenden aus Hamburg3 alles an Visualisierungen und Korrelationen auf die Umfragen-Lage, was sich so ergab. Sogar mit einem Live-Blogging des Fernseh-Duells. So richtig groß wurde das nie4 und inzwischen machen auch die Medienseiten entsprechende Angebote, aber so kann ich mich weiter dem demoskopischen Interesse und mitunter auch sehr speziellen Fragestellungen widmen. (Der Artikel zu relativen Landesparlamentsgrößen läuft immer noch gut.)

Und darüber hinaus boten sich natürlicherweise Beiträge zu meinem damaligen Fernstudium an, zu Web-Spielereien, aus denen später mein tatsächlicher Beruf werden sollte, und einige Beobachtungen zu Computerspielen. Insbesondere, wenn es Marken waren, mit denen ich viel zu tun gehabt hatte: Max Payne, Monkey Island, Anno. Und ab und ergaben sich aus einigen diese Themen auch Kommentarstränge.

Insgesamt zeigen sich diese Entwicklungen recht deutlich, wenn wir uns die Kategorien und Artikel pro Jahr anschauen:

Diagramm mit Häufigkeit von Artikelkategorien seit 2005
Diagramm: Artikel in den jeweiligen Kategorien seit 2005. Ein Artikel kann dabei mehreren Kategorien zugeordnet sein, etwa „Politik“ und „Berlin“. Deutlich ist die Nahrungsmittel-Schwerpunktlage des Ursprungsblog, der Gemischtwarenladen zur Computec-Zeit sowie der starke Politik-Focus ab 2009, ebenso die meine Fernstudien begleitenden Beiträge.

An einigen großen Debatten der damaligen Zeit, insbesondere der zur Natur des deutschen Spielejournalismus, beteiligte ich mich dagegen nicht – es war relativ schnell alles gesagt, nur eben noch nicht von jeder Person -, sondern beschränkte mich auf einige Verlinkungen. Womit wir bei einer meiner primären Beobachtungen wären.

Problem „Link Rot“

Wann immer ich einen auch nur etwas älteren Beitrag anschaue, etwa um Kontext hinzuzufügen oder weil ich inzwischen den Serien-Teil nachgeholt habe oder oder… sind die meisten Fremd-Links (oder Video-Embeds wie bei Kinder Maxi King) tot. Egal, ob sie auf Blogs, Foren, Social-Media-Einträge oder größere redaktionelle Angebote führen. Ganz oft muss ich das web archive bemühen, um wenigstens einen Teil wieder für Außenstehende nachvollziehbar zu machen. Und mit Ausnahme weniger „Bitte Flash benutzen!“-Seiten stünde dem auch technisch nichts im Weg.

Aber ein Großteil der Inhalte: Flüchtig wie das Blog-Angebot bei Computec. Dafür gibt es im Einzelnen verschiedene Gründe – irgendein Datenbank-Update, eine sehr vorsichtige Rechtsabteilung, die Traurigkeit eines nur einmal im Jahr bespielten Blogs -, aber das Resultat ist für meine Begriffe besonders ernüchternd. Tatsächliche Debatten, Beiträge und Primärquellen selbst von vor einem halben Jahrzehnt lassen sich kaum besser nachvollziehen als die Berichterstattung zu Wahlen zur Weimarer Republik, obwohl die Möglichkeiten doch ganz andere sind. Der Zustand der Blogsphäre vor zehn Jahren? Nur noch detektivisch rekonstruierbar. Auch das Corporate Blog, das ich bei XING betreute: weg. Nicht archiviert oder so, sondern einfach nicht mehr da.

In einer re:publica-Keynote 2013 bat Sascha Lobo die Anwesenden, bitte zu bloggen5. Ich würde mich dem anschließen und ergänzen: Bloggt und lasst es im Netz – Flüchtigkeit ergibt bei Instagram-Stories Sinn, aber viele Gedankengänge und -repliken verdienen eine Beständigkeit jenseits launischer kommerzieller Angebote. Das heißt nicht, dass die erhöhte Zugänglichkeit, die bessere Auffindbarkeit auf sozialen Medien für Menschen, die Inhalte schaffen, nicht auch Vorteile bieten – aber sie geben damit eben auch viel aus der Hand.

Wie dieser Blog zu Taylor-Swift-Karten verhalf

Über die Jahre sind hier neben den großen Themen-Blöcken Wahl- und Politikanalyse, Verlinkung meiner freien Arbeit sowie Begleitung meiner Fernstudien einige besondere Artikel erschienen: Etwa mein Ratgeber zum Erwachsensein in Berlin.

Oder ein Abriss meines politischen Werdegangs, in Teilen eher so lala gealtert. Aber er es mir letztes Jahr ermöglicht, doch noch an Karten für Taylor Swift zu gelangen. Die Verkäuferin auf Ebay bekam im letzten Moment kalte Füße – was, wenn ich nach dem Versenden des eigentlichen Verkaufslinks bei Eventim behaupte, nichts erhalten zu haben? Dass der längst bezahlte Kauf an dieser Stelle rechtlich bindend gewesen war, nützte mir in dem Moment wenig.

Aber dann suchte die Dame nach meinem Namen und fand, meine authentischen Werde- und Gedankengangsbeschreibungen machen es unwahrscheinlich, dass ich sie übers Ohr hauen würde. So konnte ich meiner Ehepartnerin zwei tatsächliche Tickets zu einem runden Geburtstag schicken und in Hamburg mitkreischen.

The Eras Tour im Volksparkstadion, 24. Juli 2024
I don’t know about you, but I’m feeling twenty-two…

Blogs, die fremdschäm-arme Zeitkapsel der eigenen Gedanken: Man weiß nie, wofür das mal gut ist.

  1. Empfehlung für gutes Essen in Fürth: Die Kofferfabrik. ↩︎
  2. Die Marke gehört inzwischen zu Lycos und war eine der vielen Geocities-artigen Webspace-Anbieter um die Jahrtausendwende; wobei ich hinzufügen möchte, dass ich den Code für die, äh, Webseite selbst geschrieben hatte. ↩︎
  3. Ich arbeitete bei XING am Gänsemarkt und wohnte wieder in Berlin. ↩︎
  4. Wobei mich immerhin das P.M.-Magazin einmal interviewte. ↩︎
  5. „Außer, wenn ihr bei XING seid.“ ↩︎

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