Von Berlin nach Süditalien per Interrail

FortbewegungTechnisches

Keine Überraschung: Ich war schon immer großer Zug-Fan. Vier Jahre Berlin-Hamburg gependelt mit der BahnCard 100. Und auch davor und danach gerne geschaut, inwieweit sich bestimmte Trips auch auf Schienen erledigen lassen. Zu meinen Nürnberger Zeiten etwa besuchte ich meine damalige Freundin (jetzt Ehepartnerin) in Genf, das waren regelmäßig knapp zehn Stunden unterwegs. Auch Arbeitstrips zu „Da kannst du doch fliegen“-Destinationen gerne per Zug, wobei ich entschieden davon abraten muss, sich aus „normalen“ IC(E)s eine Nachtzug-Verbindung zu basteln, die neunzig Minuten Aufenthalt um drei Uhr am Kölner Hauptbahnhof enthält. Und bei richtigen Nachtzügen immer prüfen, ob nicht versehentlich eine Mantel-Verwechslung stattgefunden hat. Und Taxis einplanen.

Was aber noch fehlte in der Liste: Eine Reise per Interrail. Für unseren Sommerurlaub dieses Jahr ergab sich das aber. Die Umwelt. Unsicherheiten für den Luftverkehr angesichts der Streiks und Personalnöte. Immer die Sorge, dass unsere Hündin doch als etwas zu groß klassifiziert wird und nicht als pet in cabin durchgeht. Und speziell Interrail, weil auf der Bahn-Seite für die Verbindung selbst keine Züge buchbar waren.

Die Funktionsweise

Bei der Buchung des „Global“-Passes (die nicht-globale Alternative sind Ein-Länder-Tickets) ist wählbar, für wieviele Tage und/oder in welchem Zeitraum er gelten soll, das Minimum dabei sind vier Tage an einem Monat, das Maximum 15 Tage in zwei Monaten respektive drei Monate ohne Tagesbegrenzung. Das war für uns perfekt – eine Übernachtung jeweils in Bologna (große Empfehlung!) macht vier Reisetage.

Zwei Tage sind für An- und Abreise markiert, an diesen und nur an diesen darf der Pass im Wohnsitzland verwendet werden. Bei einer europaweiten Rundreise ist die zentrale Lage der Bundesrepublik also etwa für den Tag „Dänemark-Schweiz“ oder „Belgien-Polen“ hinderlich, für typische Ein-Ziel-Urlaube oder auch $Himmelsrichtung-Europa-Touren aber stellt das kein Problem dar.

In der 1. Klasse – angesichts des Rollmaterials dafür eine ganz klare Empfehlung – kostet der kleinste Pass 328€, also für uns effektiv 164€ je Person und Strecke oder allgemein 82€ pro Tag (in der zweiten Klasse 61,50€). Das ist sicherlich kein „Oh Easyjet zittert aber“-Schnäppchen, aber auch weit entfernt von den „Hier muss ein Fehler vorliegen, das können die nicht ernst meinen“-Normalpreisen der Bahn.

So, Pass gekauft, Zeitraum festgelegt. Sind wir damit startklar? Beinahe. Denn für einige Fernzug-Verbindungen ist eine Reservierung zwingend erforderlich. Für welche genau, ist en detail etwas komplexer, die Kurzfassung: Neben der Bundesrepublik und Österreich ist sind die Benelux-Staaten entspannt, definitiv reservierungspflichtig sind die Fernzüge in Frankreich, Griechenland, Spanien und, richtig, Italien. Regionalzüge sind grundsätzlich nicht reservierungspflichtig.

Die Reservierungen lassen sich über die Webseite oder die App buchen. Letztere ist angesichts der irren Komplexität des Ganzen, die wahrscheinlich zwei Produkt-Teams pro Monat verschleißt, doch ganz ordentlich gemacht. Besonders gefällt mir, dass sie vor nicht korrigierbaren Schritten wie der Aktivierung eines Tages aus dem Pass wirklich gut nachfragt und informiert.. Interface, Bedienung und Funktionsumfang passen, mir sind wenige Fehler aufgefallen. Ärgerlich hingegen ist, dass es ohne einen Pass nicht möglich ist, die Reservierungen durchzuführen, die müssen, wenn sie erforderlich sind, auch zwingend über App/Website von Interrail erworben werden – und die tatsächliche Verfügbarkeit war oft enttäuschend. Reservierungen selbst kosten je Teilstrecke etwa 10€, da kamen bei uns also noch einmal knapp 100€ zusammen. Tipp: Die Reservierung-optional-Strecken in Deutschland direkt über die Bahn reservieren (wir hatten keine Lust auf Sitzplatz-Tetris), das ist deutlich günstiger.

Während der Reise mit der aktivierten App werden Verbindungen angezeigt und Reisetage entsprechend aktiviert, für die Ticketkontrolle ist dann ein entsprechender QR-Code vorzuzeigen wie auch bei den DB-Tickets. Erwartungsgemäß wollten die Kontrolleure in Italien auch zusätzlich die Reservierung sehen (die hatten wir ausgedruckt dabei), und einmal im ICE wurden unsere Ausweise verlangt.

Das Reiseerlebnis

Wie lief die eigentliche Zugfahrt ab, mit zwei erwachsenen Personen ohne Mobilitätseinschränkungen und einer kleinen Hündin? Erstaunlich gut. Wir hatten keine ganz kurzen Anschlüsse im Programm und auch so geplant, dass wir im Notfall eine Stunde später Verbindungen nehmen können und nicht mitten in den Alpen stranden, aber dazu kam es nicht. Nur jeweils allerletzten Verbindungen am letzten An- und Abreisetag hatten 30-45 Minuten Verspätung.

Unsere Hündin Josephine im Tragekörbchen.

Mit etwas Vorbereitung, insbesondere was Lese-, Spiel- und Anschaumaterial angeht, lassen sich die insgesamt 36 Stunden gut überstehen, zumal sich für uns auch die ein oder andere Gelegenheit für ein Nickerchen fand. Am-Platz-Service war in den italienischen Frecciarossa-Zügen zuverlässig, auf den anderen Verbindungen etwas sporadischer. Die Plätze boten durchgängig Stromversorgung und Tischchen, Mobilfunk und erst recht stabiles Internet war natürlich insbesondere in den Alpen nicht vorhanden.

Der einzige Komfort-Dämpfer in allem: Der EC zwischen Bayern und Norditalien der ÖBB. Ja, das österreichische Unternehmen hält europaweit die Nachtzüge am Leben und hat dafür gerade neues Rollmaterial bestellt. Aber was zwischen München und Venedig läuft, ist doch unnötig nostalgisch und abgeranzt, in der zweiten Klasse noch einmal deutlich mehr. Am endgültigen Ziel haben wir derweil ein Auto gemietet – wobei eine Ankunft am Sonntag die Auswahl offener Stellen deutlich minimierte.

Fazit und Ausblick

Wenn möglich, würde ich das Interrail-Erlebnis gerne wiederholen, und es gibt nur eine kurze Liste an „diesmal anders“-Aspekten. Was ich auf jeden Fall beibehalten möchte, ist eine mögliche Übernachtung auf ca. der Hälfte der Strecke, wenn die gesamte Fahrt deutlich über 12 Stunden ist. Nächstes mal vielleicht zu ändern:

  • die „IC/EC“-Strecke noch weiter verkürzen, um mit komfortableren Zügen zu reisen
  • Sonntage möglichst vermeiden, insbesondere wenn Autovermietung ein Teil der Reisekette ist
  • früher planen und buchen, wenn komfortablere Reiseabschnitte noch verfügbar sind

Auf einer gesellschaftlichen Perspektive ist die Frage berechtigt, ob das derzeitige Angebot genug ist, um Fliegen als gängiges Fortbewegungsmittel innerhalb des Kontinents zurückzudrängen. Meine Antwort: Es gibt sicherlich noch Potenzial, was das Liniennetz und in Teilen den Komfort auf der Strecke angeht. Aber grundsätzlich ist es auch eine Frage der Einstellung: Der Gedanke, mal eben in drei Stunden ein beliebiges Ziel in Europa zu erreichen, ist natürlich verlockend – aber statt einem Kurztrip ans Mittelmeer als Ziel ist es vielleicht an der Zeit, die Fahrt als der Reise zu begreifen und mental entsprechend umzusatteln. Abseits des erhöhten Zeitbudgets stellt eine Zugfahrt jedenfalls keine großen Hürden dar.

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