Ist es ein Nachteil, der kleinere Koalitionspartner zu sein?

Politik

Ursprünglich wollte ich diesen Beitrag einleiten mit einem Rückgriff auf die Ereignisse im Saarland. Ein vormalig kleiner Koalitionspartner kommt gestärkt aus einer Wahl hervor und kann künftig die Regierungschefin stellen, das hat doch echten Seltenheitswert! Verlieren nicht meistens die Junior-Parteien an Zustimmung, weil sie eben nicht die prominenten Landesväter oder -mütter stellen können? Die unmittelbaren Beispiele sind zahlreichen: Das es-ist-ein-Unfall-und-ich-kann-nicht-wegsehen-Darben der Berlin SPD in der späten Ära Diepgen, der Absturz der jeweils kleineren Koalitionspartner in den neuen Bundesländern 2019, der FDP-Exitus in Bayern unter Söder…

Und alle diese Beispiele überstehen den Fakten-Check unbeschadet, aber sie sind eben keine systematische Herangehensweise. Denn natürlich endete die Ära Diepgen, erlebte Bayern einen weiteren CSUnami und und und. Vermutlich haben die ganzen abgewählten Ministerpräsident:innen einen geheimen Club – Stefan Mappus bringt Maultaschen mit, Heide Simonis lecker Friesentorte als Nachtisch und geht hinterher mit Christine Lieberknecht zum Karneval.

Forschungsfrage

Was es also braucht, ist eine systematische Untersuchung der Frage: Erleiden Junior-Partner in Koalitionen häufiger Verluste als die größere Partei? Hierfür habe ich mir alle Landtagswahlen in Deutschland seit der Wiedervereinigung angesehen, bei denen eine Zwei-Parteien-Koalition zur Wahl stand – Regierungen mit absoluten Mehrheiten oder Dreier-Koalitionen sind also außen vor, eingeschlossen sind allerdings tolerierte Minderheitsregierungen, wenn diese es zumindest zur Arbeitsfähigkeit gebracht haben.

Solche Zwei-Parteien-Gebilde gab es natürlich häufig, insgesamt 66 habe ich auf Landesebene in die Betrachtung einbezogen. Das sind ein bisschen viele Zeilen fürs direkte Einbetten, daher verweise ich auf mein OneDrive und erkläre die grundsätzliche Vorgehensweise an einem Beispiel:

LandWahljahrGroße ParteiKleine ParteiGroße KoalitionVerlust große ParteiVerlust kleine ParteiMehrheit behaltenKoalition fortgeführt
HB1995SPDCDU10011
Auszug aus der Tabelle

In Bremen wurde 1995 eine Große Koalition aus SPD und CDU in die Regierung gewählt. 4 Jahre später konnten beide Parteien Stimmen gewinnen, konnten folglich ihre Mehrheit behalten und haben die Koalition auch tatsächlich fortgeführt. Richtig, 0 und 1 kodieren hier „nein“ und „ja“.

Analyse-Ergebnisse

Verlustanteile des kleinen und großen Koalitionspartners bei Landtagswahlen in Deutschland, n=66.

Die Tonlage im Einstieg des Betrages macht es deutlich. Die intuitive Annahme, dass kleine Parteien in Koalitionen deutlich häufiger verlieren, kann nicht bestätigt werden:

  • In den 66 betrachteten Landtagswahlen verlor die größere Partei insgesamt 41 mal an Zustimmung, die kleine Partei 43 mal (inklusive eines Verlust von unter einem Zehntel Prozentpunkt)
  • Auch Sub-Betrachtungen auf zum Beispiel nur Große Koalitionen – großzügig gezählt als jede Verbindung der zwei größten grundsätzlich miteinander koalitionsfähigen Parteien – (25 mal, dabei 18 Verluste für große, 17 für kleine Parteien) oder nur die Alten oder Neuen Bundesländer bringen keine signifikanten Ergebnisse zustande, auch Verfeinerungen nach Parteien waren ohne Relevanz. Zudem werden die Fallzahlen dann sehr schnell sehr übersichtlich.
  • Insgesamt hat eine Zwei-Parteien-Koalition bei 39 von 66 Wahlen ihre Mehrheit verteidigen können (hier zählen errungene absolute Mehrheiten einer vormaligen Zwei-Parteien-Koalition nicht dazu), allerdings nur in 25 Fällen auch tatsächlich ihre Arbeit fortgesetzt.

Ursachen der falschen Wahrnehmung

Die interessantere Fragestellung ist also eher, woher die Wahrnehmung kommt, kleinere Parteien hätten es schwerer, sich in Koalitionen zu behaupten. Plausibel: die eingangs erwähnte Begründung „die größere Partei ist prominenter“ führt als Grundannahme zu einer fehlerhaften Einordnung:

  • Verliert die große Partei an Zustimmung, ist das zwangsläufig das Resultat etwas besonderem – von schlechter Regierungsarbeit über einen unbeliebten Landeschef bis hin zu existenziellen Skandalen.
  • Verliert die kleine Partei an Zustimmung, wird es auch aufgrund der geringeren Sichtbarkeit dieser eher als natürlicher Verlauf angesehen.

Mögliche Verfeinerungen und künftige Untersuchungen

Die hier betriebene Untersuchung hat lediglich eine Ja-Nein-Unterscheidung zu einem anteiligen Stimmenverlust durchgeführt. Das ließe sich natürlich erweitern auf quantitative Fragestellungen: Vielleicht verlieren größere Parteien ja ähnlich oft, aber anteilig weniger? (Mein Gefühl beim Eintragen der Daten war: nein, es gab große und kleine Verluste auf beiden Seiten.) Eine Unterscheidung nach absolutem oder relativem Verlust könnte hier gegebenenfalls weiterführen.

Ebenfalls möglich wären weitere Filter oder Verknüpfungen in den Daten – etwa Korrelationen mit Wahlbeteiligungen oder mit einem Marker für „Skandal“. Allerdings kommen wir dann auch relativ nah in die Region von Daten, die unter genügend Inquisition alles zugeben.

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