Das Economist-Modell zur Bundestagswahl

Politik

Ganz ursprünglich habe ich die Wiederbelebung meines Blogs mit dem Ziel begonnen, eine Art übertragenes 538-Modell für die Bundestagswahlen zu schaffen. Das ist aus verschiedenen Gründen nie so passiert, und gerade deswegen freut es mich umso mehr, dass die Datenjournalisten vom Economist nun ein solches erarbeitet haben. Ist schön geworden und zeigt auch auf, wieso das gleich mal nicht ganz den Ultra-Appeal haben kann wie jede noch so detaillierte Swing-State-Betrachtung. Im Gegensatz zu den meisten „Poll of Polls“-Aggregaten wie etwa beim Spiegel wird hier tatsächlich die zu erwartete Sitzverteilung genommen statt der bloßen Zustimmungsraten.

Screenshot vom Economist-Modell am 30. August 2021.
Stand am 30. August – angegeben werden Ergebniskorridore für die Sitzverteilungen.

Nach ein paar kleinen Rucklern am Anfang, in denen zum Beispiel die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erfüllte Grundmandatsklausel für die Linke (siehe dazu auch mein Beitrag) vergessen wurde, ist das Modell jetzt in einem soliden Zustand. Für Menschen, die ab und an einen Blick auf die Umfragen werfen, kommen dabei wenige echte Überraschungen raus (was nichts schlechtes ist). Interessanter als die bloßen Ergebniskorridore – dass die Union irgendwas zwischen 18 und 32 Prozent der Sitze bekommt: geschenkt – sind die Betrachtungen für die einzelnen Koalitionen:

  • Koalitionen mit wirklich konstant stabilen Mehrheiten sind Ampel-, Kenia-, Deutschland- und Jamaika-Bündnis
  • In der „könnte klappen, aber nicht zu viel darauf wetten“-Kategorie folgen Rot-rot-grün und eine Fortsetzung der Großen Koalition, wobei der tatsächliche Wille zu beiden Bündnissen eher lauwarm scheint
  • Am Anfang des Jahres noch am wahrscheinlichsten, wäre es jetzt eine Überraschung, käme ein Zwei-Parteien-Bund (na gut, eigentlich drei) aus Union und Grünen zustande – das Erstarken der SPD hat dazu geführt, dass Schwarz und Grün insgesamt unter den Erwartungen bleiben, natürlich gilt das besonders für die Union

Die Methodologie-Seite erklärt ausführlich, wie auf Basis vergangener Abweichungen von Umfragen und Entwicklungen die Erwartungshaltung samt 95-Prozent-Konfidenzinterval bilanziert wird. Was mir darin jedoch fehlt und was in besonders engen Szenarien relevant sein könnte, ist die Betrachtung von Überhang- und Ausgleichsmandaten. Hier wäre dann auch eine wirklich 538-artige Analyse auf Landesebene erforderlich. Noch steht die entsprechende Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts aus – aber insbesondere eine Ablehnung der Normenkontrollklage würde in vielen Szenarien die Union bevorteilen (wenn auch jetzt weniger als noch vor sechs Wochen).

Dennoch: Ich freue mich, dass es dieses Jahr ein genaueres Modell gibt, und werde deswegen mit Ausnahme von Betrachtungen für den Bundesrat kaum Beiträge zur Bundestagswahl hier liefern. Aber es gibt ja noch Abstimmungen in Berlin, also bleibt genügend Futter.

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