Tag Archives: Bundestagswahl

Landtagswahlen in Niedersachsen 2017 (1): Unmittelbar nach dem Bund

Der kommende Urnengang im Nordwesten des Landes ist eine Rarität: Zum ersten Mal seit 34 Jahren findet eine Landtagswahl unmittelbar nach einer Bundestagswahl statt. Seit der Wiedervereinigung war die bundesweite Umstimmung immer die letzte Wahl im Jahr, höchstens zeitgleich mit einer anderen Landtagswahl (Mecklenburg-Vorpommern 1998 und 2013, Schleswig-Holstein 2009).

Üblich ist eine Reihe von Landtagswahlen vor einer Bundestagswahl, aus welcher sich dann etwa Trends ablesen lassen, die dann bestätigt werden (Schulz-Zug in der Tat eher auf Draisinenniveau unterwegs) oder nicht (der Union gelingt kein furioses Comeback für Kohls letzte Amtszeit). Continue reading Landtagswahlen in Niedersachsen 2017 (1): Unmittelbar nach dem Bund

Bundestagswahl 2017 (2): Die “kleinen” Parteien damals und heute

Da bereits das bloße Erwähnen von “Das Rennen um Platz 1 ist längst entschieden” mauerparkähnliche Abnutzungserscheinungen zeigt, widmet sich dieser Artikel direkt der zweiten Gruppe der Stimmenanteile. 2013 war es ein mittlerer Schock, dass die FDP eben nicht nur ihre 1998-Malaise erneut erlitt, sondern tatsächlich zum ersten Mal in der Geschichte der Republik nicht in den Bundestag einziehen konnte. Die AfD verfehlte die Hürde ebenfalls knapp – hier war die Überraschung aber geringer (siehe meinen kurzen Beitrag zur Wahl dereinst).

Die Reihenfolge der “kleineren” Parteien jedoch spielt für die künftige Entwicklung der Republik institutionell wie emotional eine wichtige Rolle: Redezeiten im Bundesrat, Ausschussvorsitze, der Visitenkartenschriftzug “Oppositionsführer”, mögliche Vizekanzlerschaften basieren auf der genauen Arithmetik. Continue reading Bundestagswahl 2017 (2): Die “kleinen” Parteien damals und heute

Bundestagswahl 2017 (1): Die Entwicklungen im Bundesrat in der Legislaturperiode

In regelmäßigen Abständen betrachte ich, wie sich die Lage in der zweiten Kammer des deutschen Parlamentes entwickelt. Zwar ist der Bundesrat seinen dramaturgischen Platz als großer Showdown zwischen Opposition und Regierung wie zu späten Kohl- und mittleren Schröder-Zeiten los.  Große Themen, die auch die Länderkammer erreichen, haben mehr erst eher innerhalb einer Partei für Furore gesorgt  – sei es beim Asylgesetz, bei der Maut oder der Ehe für Alle. Continue reading Bundestagswahl 2017 (1): Die Entwicklungen im Bundesrat in der Legislaturperiode

Erlauben Landtagswahlentwicklungen Rückschlüsse auf die Bundestagswahl?

Vorab: Es dürfte aufgefallen sein, dass ich in letzter Zeit auf die Rundumbetrachtungen vor Landtagswahlen verzichtet habe. Das liegt zum einen daran, dass Zeit begrenzt ist, zum anderen aber auch an einer intensiveren Auseinandersetzung mit Umfragen vor der Wahl bei zum Spiegel Online. Nichtsdestoweniger werde ich noch einige Betrachtungen zur Lage im Bundesrat nachschieben.

Trailer und Werbung vorbei, jeder hat ein Eis, es kann losgehen.

Landtagswahlen in Jahren, in denen auch der Bundestag neu gewählt wird, erhalten besondere Bedeutung. “Stimmungstest” für die Lage, die Kampagnen, die Kandidaten. Jörg Schönenborn läuft eifrig vor dem Touchscreen auf und ab, die Balkendiagramme unter den Händen des Politik-Houdini erläutern Stimmenverluste oder wichtige Themen. Landespolitik? Bundespolitik? Kommt drauf an. Continue reading Erlauben Landtagswahlentwicklungen Rückschlüsse auf die Bundestagswahl?

Bundestagswahl 2013: Kurz und bündig

In weniger als achtzehn Stunden vom Publikationsdatum dieses Beitrages aus ist es soweit. Wahllokale schließen, ggf. mit den letzten hektisch gefertigten Kreuzen unterm eifrigen “Nu aber hinne” der Wahlleiterin, und Jörg Schönenborn lässt die Balkendiagramme über die Bildschirme rauschen. Niederlagen werden eingestanden mit dem üblichen Sprachgebrauch, zunächst das Ergebnis abzuwarten und dann in Ruhe zu analysieren. Siege werden bestätigt aber erst einmal befeiert, ehe es an konkrete politische Fragen geht. Und ähnlich wie 2002 kann es für einige eine sehr, sehr lange Nacht werden.

Ich habe dieses Jahr keine große Vorabberichterstattung betrieben wie 2009. Zum Einen, weil die Zeit leider sehr knapp war, auch wegen der anstehenden Masterarbeit. Zum Anderen, weil viele meiner üblichen Betrachtungen – Umfragenzuverlässigkeit, Ergebniskorridore – an anderer Stelle bereits gemacht wurden. Daher beschränke ich mich auf eine Linkauswahl: Continue reading Bundestagswahl 2013: Kurz und bündig

100 Tage Schwarzgelb (2): Der Vergleich mit den Vorgängerregierungen

In meiner Analyse zum gegenwärtigen Stand der neuen Regierungskoaltion in den Umfragen kündigte ich bereits an, einen Vergleich zu den drei Vorgängerregierungen zu ziehen, weil nur so die Frage beantwortet werden kann, ob der gegenwärtige Katzenjammer wirklich besonders schrecklich oder einfach nur das normale Erwachen ist. Um diese Analyse beherrschbar zu machen, stelle ich jeweils das einfache arithmetische Mittel der Parteien von Umfragen, die ca. 100 Tagen nach dem Regierungsantritt veröffentlicht worden, gegenüber.

Bitte dabei beachten: Der Befragungszeitraum fand naturgemäß etwas früher statt. Gegenüber meinem letzten Beitrag finden sich auf Wahlrecht.de schon neue Umfragen, die in die Betrachtungen natürlich schon mit eingeflossen sind.

Ich erspare die Myriaden von Tabellen (Ergebnisse sind in den Bildbeschreibungen (nicht Bildunterschriften) hinterlegt) und komme stattdessen gleich zu Beobachtungen und Schlussfolgerungen: Continue reading 100 Tage Schwarzgelb (2): Der Vergleich mit den Vorgängerregierungen

Demoskopie 2009: Wie gut waren Allensbach, Emnid, Infratest, Forsa und die Forschungsgruppe Wahlen?

Die ersten Beiträge im Vorfeld der Bundestagswahl 2009 beschäftigten sich mit den Abweichungen der einzelnen Institute, sowohl einzeln betrachtet als auch über die Wahlen hinweg. Eine entsprechende Betrachtung für 2009 liefere ich jetzt nach, zunächst isoliert auf die letzte Wahl betrachtet.

Letzte Prognosen der Umfrageinstitute vor der Bundestagswahl 2009
Partei Allensbach (22.9.) Emnid (17.9.) Forsa (25.9.) Forschungsgruppe Wahlen (Projektion, 18.9.) GMS (18.9.) Infratest dimap (17.9.) Mittelwert Ergebnis
Union 35% 35% 33% 36% 36% 35% 35,0% 33,8%
SPD 24% 25% 25% 25% 25% 26% 25,0% 23,0%
Grüne 11% 11% 10% 10% 11% 10% 10,5% 10,7%
FDP 13,5% 13% 14% 13% 13% 14% 13,4% 14,6%
Linke 11,5% 12% 12% 11% 11% 11% 11,4% 11,9%

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Überhangmandate und die Bundestagswahl 2009 (2)

Ob mit (innerer RIng) oder ohne (außen) Überhangmandate, das Mitte-Rechts-Bündnis verfügt über eine stabile Mehrheit.
Ob mit (innerer Ring) oder ohne (außen) Überhangmandate, das Mitte-Rechts-Bündnis verfügt über eine stabile Mehrheit.

Im Vorfeld der Bundestagswahl 2009 wurde viel darüber debattiert (auch von mir), ob bei einem knappen Ergebnis vielleicht Überhangmandate die Sitzverteilung kippen könnten. Sogar Klagen drohten etwa die Grünen (deren Mitglied ich bin) und die Linken in einem solchen Fall an. Nun, das Ergebnis war dann doch so eindeutig, dass es keiner Überhänge bedarf für den Regierungswechsel. Trotzdem ist es interessant, sich den Einfluss auf die Sitzverteilung anzuschauen.

Dafür vergleiche ich im Folgenden drei Werte:

  1. Den Zweitstimmenanteil der im Bundestag vertretenen Parteien – trivial.
  2. Den Sitzanteil, wenn allein die Zweitstimmen über die Sitzverteilung entscheiden würden, bei Berücksichtigung der Fünfprozenthürde. Erklärung: CDU, CSU, SPD, FDP, Grüne und Linke haben zusammen 94 Prozent der abgegeben, gültigen Zweitstimmen erhalten, die an 100 Prozent fehlenden Anteile werden proportional mit einem Faktor allen Parteien zugefügt. Der Rechenschritt: Spalte 1 mal (100/94). Käme zur Bundestagswahl ein reines Divisorverfahren zum Einsatz, sähe die Sitzverteilung so aus.
  3. Der tatsächliche Sitzanteil im Bundestag (genau, der Rechenweg ist Sitze der Partei geteilt durch Summe der Bundestagssitze).

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Bundestagswahl 2009: Die Rolle der Wahlbeteiligung

Ich hatte bereits analysiert, welche Parteien von hoher Wahlbeteiligung eher profitieren, welche eher darunter leidern – und bei welchen Parteien kaum signifikante Zusammnhänge festzustellen sind. Dieses Resultat nahm auch in meiner Prognose einen zentralen Teil ein. Ich hatte im Beitrag zum möglichen Einzug der Piraten eine Wahlbeteiligung von 74% für möglich gehalten – die tatsächlichen 70,8% (sagt der Bundeswahlleiter, (Nicht-)Wählerwanderungen bei der ARD) kamen mehr als überraschend.

Tatsächlich haben sich aber die vorherigen Analysen sogar noch verstärkt. Kurz gesagt: Rekordtief für Wahlbeteiligung und SPD, Rekordhoch für die FDP. Ausführlicher habe ich das mal wieder mit schönen Statistik-Funktionen analysiert, Erklärungen und Schwierigkeiten dieses Modells sind im ersten Artikel zu finden. Wie auch vorher, ist die nachfolgende Tabelle nach Wahlbeteiligung sortiert.

Wahlbeteiligung aller gesamtdeutschen Bundestagswahlen und Korrelation
Jahr Wahlbeteiligung Union SPD FDP Grüne* PDS/Linke
2009 70,8% 33,8% 23,0% 14,6% 10,7% 14,6%
2005 77,7% 35,2% 34,2% 9,8% 8,1% 8,7%
1990 77,8% 43,8% 33,5% 11,0% 5,0% 2,4%
1994 79,0% 41,5% 36,4% 6,9% 7,3% 4,4%
2002 79,1% 38,5% 38,5% 7,4% 8,6% 4,0%
1998 82,2% 35,1% 40,9% 6,2% 6,7% 5,1%
Korrelationen 0,29 0,99 -0,94 -0,68 -0,81
Bestimmtheitsmaß 8% 97% 0,88 0,47 0,66

*Die Grünen-Abgabe ist statistisch, vorsichtig gesagt, unsauber, weil ich dafür die Einzelergebnis von Ost- und West-Grünen für 1990 addiert habe. Es bleibt aber so oder so insignifikant.

Im direkten Vergleich hat sich die Korrelation sogar noch verstärkt, sie betrug bei der vorherigen Analyse für die SPD 0,93 (Bestimmtheitsmaß 86%) und für die FDP 0,8 (Bestimmtheitsmaß 65%).

Was heißt das für den praktischen Politikbetrieb?

  • Die SPD braucht eine positive Aufbruchstimmung, um ihre Wähler zu mobilisieren, allgemeine Politikverdrossenheit schadet ihr. Bei ihr korrelieren die allgemein nachlassende Bindungskraft der Volksparteien und das nachlassende Vertrauen in die parlamentarisch-repräsentative Demokratie besonders.

  • Die FDP hingegen ist so ein bisschen wie das Miracel-Whip-Männchen, das besonders dann profitiert, wenn es alles fade und schwer schmeckt – und rein numerisch haben sie eine treue Anhängerschaft (denn es braucht bei weniger abgegebenen Stimmen auch weniger Kreuze für einen bestimmten Anteil darunter)

Haben die Piraten die Bundestagswahl 2009 entschieden?

Genau wie bei der Analyse zu ihren Chancen, in den Bundestag einzuziehen, ist auch hier die Antwort wieder eindeutig: Nein. Es gibt eine Fußnote dazu, aber elementare Mathematik deutet die Lösung bereits an:

CDU/CSU und FDP kommen zusammen auf 48,4% der abgegebenen, gültigen (Zweit-)Stimmen, ziemlich genau 21 Millionen. SPD, Linke und Grüne erreichen zusammen 45,6%, oder auch 19,7 Millionen Stimmzettel. Fehlen also 2,8 Prozentpunkte, oder 1,3 Millionen Kreuze. Die Piraten kommen auf 1,95%, der Bundeswahlleiter nennt 845.904 Stimmen.

Also: Selbst wenn alle Wähler der Piratenpartei SPD, Grüne oder Linke angekreuzt hätten, hätte sich am Ergebnis nichts geändert: Das Mitte-Rechts-Bündnis hätte so oder so eine Mehrheit, auch ohne Überhangmandate. Continue reading Haben die Piraten die Bundestagswahl 2009 entschieden?