Walter Niemann: Krippenmusik zur Weihnacht (und ich am Klavier)

Worte, Noten, seltener Gerüche

Vor knapp zwanzig Jahren gab mir die Schwangerschaftsvertretung meiner Klavierlehrerin ein Stück namens „Schneenacht“ auf, und es… traf mich. Die Stimmung einer weißen, klaren Nacht, der eisige Hauch praktisch spürbar. Fantastisch. 

Das Stück entstammt dem kleinen Zyklus „Krippenmusik zur Weihnacht“ von Walter Niemann. Einige Jahre später habe ich den Zyklus in Gänze aufgetrieben und nun aufgenommen. Zehn Minuten wenig aufdringliche Programmmusik wie ein kleiner Spaziergang durch den „Holzkram aus dem Erzgebirge“-Laden auf dem Weihnachtsmacht.

Sechs Stücke als Playlist auf Youtube:

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Eine kleine Analyse

Die Stücke folgen insgesamt einem sehr nachvollziehbaren Aufbau: Ein Thema wird in einfachster Form vorgestellt und danach weiter ausgebaut, ggf. leicht variiert. Das Ganze mündet mit einem ordentlichen Lautstärke-Umfang dann in einem Finale, das den jeweiligen Charakter des Stückes nochmal besonders hervorhebt, sowie eine kleine dazu passende Coda in ziemlich laut oder gehtmeinhörgerätwiedernicht? leise.

Alle Stücke haben klare Linien – bei den langsamen Werken sind das durchaus einfach mal eine ganze Notenzeile von Auf- oder Abstiegen, bei den lebhafteren Stücken ein glasklarer Rhythmus, der in einigen Momenten noch kleine Verzierungen erhält.

An Tonarten serviert uns Niemann zweimal reines C (Herbei, ihr Hirten! und Anbetung vor der Krippe), einmal F (der Engelreigen), einmal B (Freudiger Tanz der Kinder und Hirten) und eine Kreuzdurtonart – die Pastorella in G. Das einzige Stück in moll ist die in e gehaltene Schneenacht.

Wie bei Musik aus dem zwanzigsten Jahrhundert zu erwarten, wagt Niemann einige Tonartausflüge, die allerdings immer nach ein paar Taken erwartungsgerecht aufgelöst werden.

  • Die Schneenacht enthält einen wilden Aufstieg e-g-b-cis in Terzen, dessen letzter Sprung wieder bei e landet, um dann Stück für Stück wieder abzusteigen.
  • Die Anbetung vor der Krippe setzt wesentliche Haltepunkte im fernen A oder in Subdominantparallele d, um dann aber schnell auf das „sichere“ C zurückzukommen.
  • Der abschließende Engelsreigen bekommt seine transzendentes Finale fünf Takte vor Schluss mit einer Reihe d-C-B-C-D-a-g-C7, aus Sicht der Basistonart F also ein recht klassisches Spiel mit Subdominante, Dominante und Mollparallen – und aus meiner Perspektive ein schönes Anstückungsstück, wieviel sich damit erreichen lässt

Was mir an dem Zyklus gefällt, ist die so wahnsinnig bildhafte und klare Ausdrucksform, die in wenigen Takten und mit wenigen Noten Bilder hervorruft, mit einfachen, aber klug eingesetzten Mitteln.

Prima, das möchte ich auch spielen!

Das ist leider etwas schwierig. Den Zyklus gibt es insgesamt nur antiquarisch oder bei einzelnen Bibliotheken – zwei der Stücke sind aber in der Hausmusik zur Weihnacht enthalten.

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