Demoskopische Anpassungen für die AfD nach den Landtagswahlen?

Noch zwei Landtagswahlen stehen im Jahr 2016 an – und sowohl Mecklenburg-Vorpommern als auch Berlin werden natürlich ihre eigene Artikelserie bekommen. Dennoch möchte ich eine Entwicklung der jüngsten Zeit gesondert betrachten. Ausgangspunkt ist dieser Satz im Artikel Die Sehnsucht nach der zweiten Wende: “Die AfD wurde bisher vor Wahlen fast immer unterschätzt.

Wurde die AfD vor Wahlen unterschätzt?

Ein Blick auf die Ergebnisse der letzten Landtagswahlen und der jeweils zuletzt veröffentlichten Umfragen (wie immer: danke wahlrecht.de) zeigt an, dass die Hypothese haltbar ist:

  • In Baden-Württemberg erhielt die Partei 15,1% der Stimmen.Die letzten Umfragen, alle veröffentlicht in der Woche vor der Wahl am 13. März, sahen sie bei 11% (Forschungsgruppe Wahlen, YouGov, INSA) respektive 12,5% (Forsa), also zweieinhalb bis vier Prozentpunkte unter dem finalen Wert.
  • Ebenfalls am 13. März fanden in Rheinland-Pfalz Wahlen statt. Das gleiche Quartett an Umfrageinstituten veröffentlichte in der Woche 11% (YouGov) bzw. 9% (alle anderen) – 1,6 bzw. 3,6 Prozentpunkte unter dem späteren Resultat.
  • In Sachsen-Anhalt schließlich gelang der AfD am selben Tag ein noch deutlicherer Sprung. Die Forschungsgruppe Wahlen und Forsa sahen die Partei bei 18%, INSA und Infratest dimap bei 19%, uniQma bei 17%. Selbst im besten Fall waren die AfD-Resultate also 5 Prozentpunkte zu niedrig taxiert.
  • Die 2015 in Bremen und Hamburg abgehaltenen Wahlen indes, wo die AfD bei 6% (Hamburg) bzw. 5,5% landete, lässt sich keine derartige Tendenz feststellen, die meisten Umfragen sahen die Partei glatt bei 5 Prozent der Stimmen, mit gar einem Ausreißer über das spätere Ergebnis.
  • Die Landtagswahlen in den neuen Bundesländern 2014 (Thüringen, Sachsen, Brandenburg) hingegen zeigen wieder das bekannte Muster. Um wenigstens zwei Prozentpunkte zu niedrig waren alle von den Instituten vorher herausgegeben Werte.

Für diese Auswertung berücksichtigt wurden Umfragen, die höchstens zwei Wochen vor dem Wahltermin veröffentlicht wurden. Falls es mehr als eine Umfrage pro Institut in diesem Zeitraum gab, zählt die letzte. Das nachfolgende Diagramm fasst die Ergebnisse noch einmal zusammen.

Landtagswahlen 2014 bis März 2016: Jeweils letzte Umfrageergebnisse der AfD und das tatsächliche Ergebnis.
Landtagswahlen 2014 bis März 2016: Jeweils letzte Umfrageergebnisse der AfD und das tatsächliche Ergebnis.

Es gibt verschiedene Erklärungsmuster für diese Zahlen. Bekanntermaßen müssen Umfrageinstitute auf Basis ihrer Rohdaten Gewichtungen und Anpassungen vornehmen. So gleichen sie zum Beispiel aus, dass bestimmte demoskopische Gruppen schwieriger (oder zu häufig) in Umfragen zu erreichen sind, oder dass Menschen extremistischer Parteien dies zumeist im direkten Gespräch nicht angeben möchten.

Diese Anpassung lief 2015, sofern die kleine Stichprobengröße derartige Aussagen zulässt, ganz akzeptabel ab, 2014 und bis jetzt 2016 eher im “hat sich bemüht”-Bereich. Woran könnte das liegen?

  • 2015 war im Zeitraum bis zu den Landtagswahlen kein für die AfD dankbares Thema öffentlich präsent. Die Griechenlandkrise lag zurück, die humanitäre Krise im Umgang mit Flüchtlingen war noch nicht so präsent. 2014 und 2016 hingegen wehte gut in die Segel der AfD.
  • Besonders die neuen Bundesländer bereiten den Demoskopen Kopfschmerzen. Das kann darn liegen, dass der Anteil an für Umfrageinstitute Unerreichbare, welche die AfD für sich entdecken, hier besonders hoch ist, zum Beispiel typische Nichtwähler oder auch ganz banal Pendler.
  • Extreme Ergebnisse wie das AfD-Ergebnis in Sachsen-Anhalt sind ein grundsätzliches Problem – auch das Ergebnis der Partei Rechtsstaatliche Offensive (“Schill-Partei”) 2001 in Hamburg etwa wurde von keinem Institut in dieser Höhe antizipiert. Das kann daran liegen, dass zu den Hypothesen der Modellierung eine Wanderung zu etablierten Parteien in der letzten Woche gehört, so dass bestimmte Schwellenwerte immer erreicht werden. Und derartige Hypothesen können eben auch falsch sein.

Der Satz aus dem Zeit-Artikel kann also bestätigt werden: In den letzten acht Landtagswahlen wurde die AfD unterschätzt, in Dimensionen, die vom Rundungsfehler bis zur kompletten Neusortierung reichen.

Plötzliche Sprünge der AfD-Ergebnisse

Zu den wissenschaftlichen Arbeitsmethoden gehört, die eigenen Prozesse fortwährend zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen. Folglich ist die Frage: Was haben die Institute in der Vergangenheit mit der AfD getan und haben sie aus den möglichen Fehlern gelernt?

Ein Blick auf die Sonntagsfragen kurz nach den März-Wahlen zeigt bei fast allen Instituten einen plötzlichen Sprung. Das betrifft sowohl bundesweite Umfragen als auch die Befragungen in Berlin und, soweit die sehr dünne Datenbasis so eine Aussage zulässt, Mecklenburg-Vorpommern. Die nachfolgenden Diagramme zeigen das auf (Mecklenburg-Vorpommern hat bei zwei Instituten je zwei Umfragen keins, die Rohdaten liegen aber wie immer auf meinem OneDrive).

Entwicklung der Sonntagsfrage für die AfD in Berlin. Die Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt fanden am 13. März statt und fallen in eine Aufstiegsphase der Partei, die jedoch bei Forsa nicht langfristig abgebildet wird.
Entwicklung der Sonntagsfrage für die AfD in Berlin. Die Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt fanden am 13. März statt und fallen in eine Aufstiegsphase der Partei, die jedoch bei Forsa nicht langfristig abgebildet wird.
Die deutschlandweiten Ergebnisse für die AfD bei der Sonntagsfrage im Zeitraum Februar bis Ende April 2016, ausgewählte Institute. Auch hier deutlich: außer Forsa nehmen alle Demoskopen einen deutlichen langfristigen Aufwärtstrend für die Partei auch nach dem 13. März wahr.
Die deutschlandweiten Ergebnisse für die AfD bei der Sonntagsfrage im Zeitraum Februar bis Ende April 2016, ausgewählte Institute. Auch hier deutlich: außer Forsa nehmen alle Demoskopen einen deutlichen langfristigen Aufwärtstrend für die Partei auch nach dem 13. März wahr.

Hierfür gibt es zwei mögliche Erklärungen:

  • die guten Ergebnisse der AfD in drei durchaus verschiedenen Regionen ermunterten bei den Befragungen mehr Menschen, ihre Präferenz am Telefon entsprechend zu äußern,
  • die Rohdaten haben sich nicht verändert – wohl aber die Institute ihre weitere Verarbeitung davon.

Der Aufstieg der AfD in den Wochen und Monaten seit 2015 ist, mit Rundungsschwanken, relativ konstant und betrifft auch Institute, die keine Umfragen für Landtagswahlen durchführen. Es wäre zu wünschen, dass die Institute auch aus der systematischen Unterschätzung der AfD gelernt haben – für eine genaue Bestätigung dieser These ist die vorhandene Datenbasis jedoch unzureichend.

Was in jedem Fall auffällt, ist die Tendenz von Forsa, relativ defensive AfD-Ergebnisse zu ermitteln, sowohl historisch (wobei sie da kein Ausreißer waren) als auch aktuell.

Offenlegung: Ich war von 2002 bis 2009 Mitglied der FDP. Ich bin seit 2009 Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen. Bei der Abgeordnetenhauswahl trete ich weder auf der Landes- noch auf einer Bezirksliste an.

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