Lehrmaterialien: Online oder offline?

Wie es nebenan beim Lars zu lesen gibt, rumort es derzeit unter der OpenUniversity-Studienschaft wegen der möglichen gänzlichen Abschaffung papierner Lehrmaterialien, insbesondere natürlich der bisherigen OpenU-Eigenproduktionsbüchern (mit anderen Sachen hatten die OpenU schon vorher angefangen). In der Debatte, die man mit ein wenig Popcorn auch gut bei Facebook nachlesen kann, mischen sich meines Erachtens verschiedene Argumente, die eine genauere Betrachtung verdienen.

Digital verfügbare Lehrmaterialien in verschiedenen Ausmaßen

Viele Studierende berichteten von ihren Erfahrungen mit Online-Kursen, bei denen ein wesentlicher Teil des Studiums im Web stattfindet. Das ist etwas anderes als das gelegentliche Herunterladen von ein paar PDF- oder ePub-Dateien zu Kursbeginn. Da ich gegenwärtig mit der UoL die Erfahrung eines klar auf Online-Aktivität geprägten Studiengangs mache, kann ich den Beiträgen nur zustimmen, die hier eine deutlich geringere Flexibilität sehen.

Es ist etwas anderes, das Tablet/den Reader/den Laptop aufzuklappen und, mit nichts außer Strom, die Lektüre fortzusetzen, oder mit ständig nötiger Internetanbindung in einem Forum unterwegs zu sein (zum Beispiel). Letzteres ist nicht nur ein bloßes „Mit der Zeit gehen“, sondern schränkt die Zugänglichkeit der Kurse wirklich ein und geht damit in Teilen gegen die OpenU-Prämisse „distance learning for all“.

Darüber hinaus: Einfach so ein PDF des Lehrbuchs ins Netz zu stellen, ist nun wirklich ein bisschen wenig, um die Begründung der Universität ernst zu nehmen.

Aktualität der Lehrmaterialien

Die Geduld des Papiers ist sprichwörtlich, und im Zusammenhang mit Lehrmaterialien und dem Aufwand für ihre Erstellung heißt das: Damit sich die Produktion insbesondere der gebundenen Bücher lohnt, müssen sie hinreichend lange halten. Eine jährliche Aktualisierung der Bücher ist somit organisatorisch wie finanziell vom Tisch. Lange Aktualisierungszyklen wiederum wirken bei vielen Kursen schnell beschämend.

Richtig ist natürlich: Die Buchproduktion selbst ist nur eine Komponente in der Aktualisierung. Auch hier gibt mein gegenwärtiges Studium Kontext: Obwohl die University of Liverpool keine eigenen Bücher herausgibt für den Kurs, sondern eine mit niedlichen Amazon-Affiliate-Links bestückte Liste pflegt und es für jede Kurswoche knapp 15 PDF-Seiten Begleitlektüre gibt, sind die Texte teilweise in einem museumsreifen Zustand, der Netscape noch einen relevanten Browser nennt.

Nun ist es natürlich falsch, von der Tranigkeit einer Institution auf die Zukunft der anderen zu verweisen, aber ähnlich wie im vorigen Abschnitt will ich darauf hinaus, dass die Open University eine Digitalstrategie auch wirklich ernst meinen muss. Es bringt nichts, die theoretischen Vorteile digitaler Medien gegenüber den Studierenden zu preisen, wenn die Materialien selbst sie nicht hergeben – als reine Einsparvariante taugt ein „da habt ihr eure PDFs“ natürlich wenig.

Maß halten

Auch die Studierenden könnten natürlich ein wenig maßvoller argumentieren. Bei vielen Dokumenten ergibt es nun wirklich viel mehr Sinn, wenn diese bei Bedarf vom Studierenden – und ein funktionierender Drucker in Reichweite wäre selbst vor zehn, fünfzehn Jahren keine illusorische Voraussetzung gewesen. Das TMA-Booklet mit den jeweiligen Aufgaben zum Beispiel enthält in wesentlichen Teilen redundante Information von Kurs zu Kurs – da genügt es doch, sich die Assignments selbst auszudrucken, wenn man das möchte.

Was die Bücher angeht, fällt mir eine Beurteilung etwas weniger leicht. Ja, das ist verdammt viel Lager- und Durch-die-Welt-Schick-Kram – und die Open University bietet auch keine Möglichkeit der Rücknahme nach Gebrauch oder bei Doppelsendungen. Ich habe eine Buchreihe mal gespendet, bezweifle aber den Nutzen durchaus. Ein Weiterverkauf, auch wenn das nun ein wirklich sekundäres Argument sein sollte, ist mit der derzeitigen Kopplung auch nicht sinnvoll.

Sind die Bücher praktischer als es ihre elektronischen Vertreter wären? In Teilen. Insbesondere A330 und A207 verlangen aber teilweise das Mitführen von drei, vier Büchern (Lehrbuch, Lektüre, Illustrationsheft, Begleitbuch) – das lässt sich kaum schnell in der Straßenbahn, im Bett oder am Strand bewältigen. Das Bekritzeln der Marginalien ist aber in der Tat eine angenehme Annotationsform, die mir bei meinem Kindle Paperwhite fehlt. Oft fand ich die Kombination – auf Papier lesen, im PDF suchen – besonders praktisch. Weswegen die Open University gut an einer ehrlichen Kommunikations- und Umsetzungsstrategie täte. Es ist albern, den Kostendruck nicht als primäre Ursache zu nennen, und es ist unglaubwürdig, die Bücher ohne eine wirklich adäquate, inklusive Ersatzform abzuschaffen und von den Vorteilen digitaler Distribution zu profitieren.

15 Monate ist mein letzter Kontakt mit der Open University her – und als Außenstehender habe ich den Eindruck, dass die Dinge sich in der Zwischenzeit nicht zum Besten gewandt haben.

PS: Sonja hat auch zum Thema gebloggt, und ich kann ihren Kernthesen – eReader sind super, PDFs allein zu wenig – vollkommen zustimmen.

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