Die letzten Kurse bei der University of Liverpool: Zeit für ein Fazit

Vor etwas mehr als einem Jahr begann ich mein Master-Studium in Software Engineering an der University Liverpool (via Laureate International Universities). Ich erwähnte damals, an den Feiertagen hektisch Assignments und Forenbeiträge gepostet zu haben, weil der strenge Wochenrhythmus so etwas wie Feiertage nicht kennt. Das wird auch in der kommenden Woche der Fall sein, während sich mein vorletzter Kurs (XML-Webanwendungen) dem Bergfest nähert. In gut zwölf Wochen werde ich mit der Masterarbeit beginnen, so dass ich die Zeit gekommen sehe für ein Fazit zu der Kursphase:

  • die Kurse ergeben insgesamt ein schlüssiges Gesamtbild, unabhängig von der Qualität der einzelnen Module, die mitunter ein wenig renovierungsbedürftig scheinen. Man merkt, wie verschiedene Konzepte (Objektorientierung, Web Services, verschiedene Konzeptionsphasen) immer wieder aus verschiedenen Kontexten und Perspektiven erschlossen werden. Das freut, weil sich in der Zwischenzeit neues Wissen und neue Erkenntnisse beitragen lassen, und weil es dem ganzen Werk Kohärenz und Geschlossenheit verleiht.
  • zum Arbeitsaufwand habe ich an anderer Stelle schon einmal geschrieben. Das bleibt weitestgehend unverändert und Nuancen in den Kursen erinnern mich an den alten Witz über das PC-Spiel Commandos und dessen Schwierigkeitsstufen Hoch und Höher. Dabei ist glaube ich weniger die absolute Zeit die große Herausforderung, als das beständige Abarbeiten des Wochenpensums, dass einem recht wenig eigene Möglichkeiten zur Zeitgestaltung gibt. Vor Samstag wird kaum jemand im Forum etwas beitragen, am Mittwoch ist die akademische Woche vorbei; folglich bleibt nicht wirklich Spielraum für das eigene Ausrichten von Studien- und Interaktionsphasen.
  • die Forendiskussionen ähneln in ihrer Qualität dem, was ich aus dem Präsenzstudium kenne. Von artifiziellen Belesenheitsnachweisen und Namedropping über wirklich anregende Beiträge, die auf interessante Aspekte verweisen, bis zu unmotiviertem Rumstochern in einem kaum noch atmenden Themenbaum ist alles dabei. Ich fand recht schnell die Leute, mit denen sich gute Diskussionen aufbauen lassen, und jene, die man lieber meiden sollte. Natürlich gibt es auch dabei Unterschiede zwischen den Kursen, in den Pflichtseminaren ist der Enthusiasmus etwas geringer als in den fakultativen Veranstaltungen.
  • ein wirklich enormer Unterschied besteht in der Qualität der Tutoren und deren Feedback. Ganz so persönlich wie bei der Open University wird es nie – aber das wäre angesichts des weitaus höheren Abgabedrucks auch nicht realistisch. Trotzdem: Es gibt Tutoren, die Woche für Woche detaillierte Checklisten mit den Bewertungskriterien abliefern und das mit einem persönlichen Kommentar versehen, und solche, deren Feedback kaum über eine müde Adjektivsammlung hinausgeht. Im schlimmsten Fall gab ein Tutor sogar auf mehrfache Nachfrage lediglich die typische Boilerplate mit den allgemeinen Benotungskriterien per Copy&Paste zurück. (Hier haben die Studierenden letztlich mehrfach Beschwerden bei ihren allgemeinen Ansprechpartnern durchgeführt, über dessen Ausgang wir natürlich nichts wissen.)
  • Gruppenarbeit finde ich bei einer geographisch so zerstreuten Studierendenschaft immer noch schwierig. In meinem letzten Kurs war das Ganze doppelt absurd: Studierende von Kasachstan bis Barbados machen auch nur annähernd synchrone Kommunikation unmöglich. Gleichzeit bestand der Gruppenteil nur darin, dass jeder sich ein Teil eines größeren System heraussucht und für dieses dann doch wieder alleine und ohne Abhängigkeit in der Gruppe alle Aufgaben erledigt und selbst hochlädt. Das hat letztlich also funktioniert, aber mit Gruppenarbeit wenig zu tun.

Im November führte Laureate ein Update des Online-Verwaltungssystems durch, womit einiges moderner aussieht, aber bei Weitem nicht alle Schwierigkeiten von Blackboard erfasst werden. Zudem sind noch nicht alle Daten des Systems über die neue Fassung erhältlich, was ein merkwürdiges Hybrid-Browsen erfordert. (Und das automatische Ausloggen verhindert, dass man sich bequem viele Forum-Posts in Tabs öffnen und in den ICE steigen kann.)

Was mir besonders gefällt an dem MSc ist die Zielstrebigkeit, die insgesamt an den Tag gelegt wird und die letztlich technische Unzulänglichkeiten und die meisten Tutor-Mäkeleien überdeckt. Neulich bemerkten Freunde, dass mein Master so viel schneller gehe als mein B.A. (Hons). Das hat zwar natürlich auch andere Gründe (und natürlich ist auch ein Pausieren im MSc möglich), aber es trifft grundsätzlich den Kern sehr gut: Unterstützung und Ansprechpartner, wo nötig, und durchgängig straff organisierte Kurse mit einem verlässlich hohen Pensum.

2 thoughts on “Die letzten Kurse bei der University of Liverpool: Zeit für ein Fazit

  1. Erstmal Glückwunsch, dass es bisher so gut gelaufen und dein Studium bald durch ist. Und Hut ab, dass du dieses Tempo auch durchgängig durchgehalten hast.

    Mich würde an dieser Stelle interessieren, wie du persönlich den Wert des Masters bewertest. Hat es sich inhaltlich gelohnt? Und beruflich?

    1. Hallo Sonja,

      das ist ein in der Tat interessantes Fragenduett. Das wäre in der Tat mal ein eigener Blogpost. Inhaltlich: Ich habe ja einmal angedeutet, dass ich die Lehrmaterialien teilweise für etwas veraltet halte, was gerade in einem dynamischen Gebiet wie Softwareentwicklung natürlich schnell auffällt. Generell ist der Zugang halt etwas strukturierter, als es im Lebensalltag tatsächlich möglich wäre – aber das ist ja in den meisten Fällen so, dass das Lehrbuch etwas idealtypischere Szenarien vorsieht. Ich glaube, eine Konzentration auf die Meta-Aussagen, zum Beispiel eine wirklich genaue Requirements-Analyse, ist hilfreicher, als sich wirklich an den jeweiligen Technologien aufzuhalten. Und das bekommt der Master gut hin, ebenso wie die Verzahnung der einzelnen Module.

      Beruflich: Mal sehen 😉

      Grüße, Christian.

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