Rückblick 2011: Wie übertragbar und repräsentativ ist der Erfolg der Piraten in Berlin?

Ich spare mir die übliche “DIE Überraschung bei den Wahlen in Berlin…”-Einleitung und widme mich gleich der Fragestellung: Wie stark ist der Erfolg der Partei bei dieser Wahl eine Ausnahmeerscheinung – dazu schaue ich mir an, wie sich bei den anderen Landtagswahlen es Jahres die Stimmenanzahl (relativ wie absolut) entwickelt hat im Vergleich zu den jeweiligen Ergebnis bei der Abstimmung zum Bundestag und zum EU-Parlament 2009.

War Berlin nur quantitativ die stärkste Ausprägung einer bundesweiten Entwicklung, oder zeigt sich vielmehr ein differenziertes Bild für das Jahr 2011?

Das Diagramm (Zahlen folgen ganz unten), für das ich mich entschieden habe, listet dabei sowohl absolute als auch relative Zustimmung zu den Piraten auf – die Größe der Kreise entspricht der Anzahl der Stimmen, wobei die Kreismittelpunkte jeweils auf dem Zweitstimmenergebnis in Prozent liegen. Optimal sind also Kreise, die möglichst weit oben liegen und möglichst groß sind, und eine möglichst gute Entwicklung für die Piraten wäre ein roter Kreis, der größer und höher ist als der blaue in seiner Spalte, aber ebenfalls übertrumpft wird vom gelben – also ein wachsender Anstieg in relativer wie absoluter Zustimmung von Wahl zu Wahl.

Entwicklung der Piraten – Wahlen zum EU-Parlament und Bundestagswahl 2009, Landtagswahlen 2011. Der Mittelpunkt der Kreise ist das jeweilige Zweitstimmenergebnis in Prozent.

Ein kurzer Blick auf die Abbildung genügt, um zu sehen, dass das so ideal nur in Berlin in der Fall ist. Grundsätzlich konnte sich die Piratenpartei gegenüber der Wahl zum EU-Parlament 2009 zwar immer steigern, das Bundestagswahlergebnis jedoch konnte sie bei den 2011 anstehenden Landtagswahlen keineswegs immer steigern:

  • Berlin war das einzige Bundesland mit einer gestiegenen (dafür umso spektakuläreren) Zustimmung gemessen am prozentualen Zweitstimmenanteil. Einigermaßen stabil blieb noch Baden-Württemberg (was angesichts der gestiegenen Wahlbeteiligung im Umfeld der Fukushima-Katastrophe durchaus beachtlich ist), bei anderen Wahlen hingegen ging die relative Zustimmung durch die Bank um bis zu einen Prozentpunkt zurück. In der Grafik wird das daran deutlich, das fast überall der rote Kreis am weitesten oben platziert ist.
  • Absolut betrachtet gewann die Piratenpartei jenseits der jüngsten Wahl nur in Bremen Stimmen, in allen anderen Ländern aber sackte sie teilweise um mehr als die Hälfte ein (Sachsen-Anhalt zum Beispiel). Ein wirkliches Muster ist hierbei nicht zu erkennen, weder in einer Unterteilung Stadtstaaten/Flächenländer, noch in einer Unterscheidung nach der jeweiligen politischen Dramatik und vermeintlichen Lustlosigkeit der gesamten Situation (gerade in Sachsen-Anhalt zum Beispiel konnten die Piraten nicht profitieren, hier landete sie noch hinter Freien Wählern und Tierschutzpartei.)

Das heißt keineswegs, dass die Partei in Berlin ihren einzigen Erfolg feiern wird – es ist der Partei vielmehr Mahnung, zu sehen, dass sie die günstigen Bedingungen, die ihr zum Einzug in den Preußischen Landtag halfen, nicht überall erwarten wird und, wie es heißt, liefern muss.

Natürlich sind die Voraussetzungen jetzt insgesamt günstiger, weil die Partei grundsätzlich erhöhte Aufmerksamkeit genießt, die bundesweiten Umfragen unterstützen und der Abschreckungseffekt bei jenen Wählern, die ihre Stimme ungern einer Wahrscheinlich-unter-fünf-Prozent-Partei geben möchten, stark gemindert ist.

Insofern wird es schlichtweg spannend, zu sehen, wie die Piraten sich insgesamt entwickeln und ob sie es schaffen, den (einzige Nautik-Metapher, versprochen!) Rückenwind aus Berlin zu nutzen – oder ob die zuletzt beim Einzug der Schill-Partei (mit der die Piraten natürlich inhaltlich überhaupt nicht vergleichbar sind) in Hamburg vor zehn Jahren analysierte mögliche grundsätzliche Erweiterung des politischen Spektrums in Deutschland nur eine kurze Stichflamme ist.

Und nun die Zahlen. Dabei eine methodische Anmerkung: Quellen sind natürlich der Bundes- respektive die jeweiligen Landeswahlleiter; zur Bürgerschaftswahl in Hamburg konnten jeweils fünf Stimmen abgegeben werden, ich habe deswegen die Gesamtzahl (73126) gefünftelt.

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