Credit Transfer an der Open University – ein Erfahrungsbericht

Bemerkung: Ich habe eine lange Zeit darüber nachgedacht, wie dieser Beitrag auszusehen hat, wie persönlich, wie objektiv. Da ich weiß, dass das Thema Credit Transfer wichtig ist und viele Suchanfragen damit hierherführen, ist es zu dieser umfassenden Darstellung gekommen, die aber natürlich nicht ohne meinen privaten Hintergrund und entsprechenden Meinungen auskommt.

Die Voraussetzungen

Ich habe faktisch vom Wintersemester 2004/2005 bis zum Sommersemester 2006 an der Humboldt-Universität zu Berlin studiert. Die ersten Semester zügig, die letzten beiden dann aufgrund eines Theaterfestivals, das ich mitorganisiert habe, nicht mehr ganz so intensiv. Danach war ich noch eine längere Zeit eingeschrieben, teilweise mit Urlaubssemester, weil ich an sich den Plan hatte, nach meinem Volontariat bei Computec zurückzukommen; die Geschichte indes wollte es anders, ich wurde leitender Redakteur und bekam den Stempel „Studium erfolgreich abgebrochen“.

An Scheinen angesammelt hatte ich in den zwei vollumfänglichen Studienjahren:

  • Noch von 2003: University of Cambridge Shakespeare Summer School. Drei Wochen, zwei feste Kurse je zwei Stunden und zwei Zusatzvorlesungen am Tag. Ein Kurs benotet (Class II:i).
  • Aus dem Bereich Medienwissenschaften, mein Magister-Hauptfach: Scheine im Gesamtwert von 18 Semesterwochenstunden, wobei darauf 17 ECTS-Punkte vermerkt waren (bei einigen Bereichen war das jeweilige Sekretariat schlichtweg nicht darauf geeicht). Explizit benotet waren davon vier SWS (=Semesterwochenstunden) respektive sechs ECTS-Zähler (leider fehlte hier wieder einiges), wobei aus den jeweiligen Schein-Beschreibungen auch hervorging, dass die übrigen keineswegs bloße Sitzscheine waren, sondern meist auch mit Testaten verbunden zum Bestehen.
  • Aus dem Bereich Politikwissenschaften, mein Magister-Nebenfach: Ein Zwischenprüfungszeugnis sowie in dessen Rahmen benotete Scheine mit insgesamt zwanzig ECTS-Punkten, die ich aber zuerst nicht einreichte
  • Aus dem zweiten Magister-Nebenfach Philosophie: Benotete Scheine im Gesamtwert von 4 SWS, dabei wurden keine ECTS-Punkte ausgezeichnet (sowie 4 SWS unbenotet – denn nicht benotete Seminare schrieb man sich in Philosophie als Magister einfach ins Studienbuch)

Ob auf einem Schein ECTS-Punkte draufstehen, hing primär vom allgemeinen Reformeifer des jeweiligen Studiengangs ab, ein ernsthaft objektives Kriterium gibt es nicht. (An dieser Stelle bitte Leider-verloren-Jingle aus einer Privatfernsehspielshow denken.)

Was konnte ich erwarten?

Mir war gleich von Anfang an klar, dass ein etwaiger Credit Transfer mit erheblichen Streuverlusten einhergeht, kennt man ja von fast allen Quereinstufungen hierzulande. Die Regeln des Credit Transfer legen zunächst einmal maximale Grenzen fest, im Fall meines Studienganges theoretisch 240, realistisch jedoch maximal 120 Punkte, je nach anerkannter fachlicher Nähe. (Zur Einordnung: Der komplette B.A. (Hons) nimmt 360 Punkte ein, bei sechs Semester angenommener Regelstudienzeit kann man also ein Sechzigerpack pro Semester ungefähr einnorden.)

Diese Werte würde ich ohnehin nicht erreichen – aber der Pulk an Scheinen (insgesamt reden wir hier von Dokumenten) sollte doch zumindest dokumentieren, dass ich eine solide Basis habe, die vielleicht einen bis anderthalb sechzig-Punkte-Kurse spart. Selbstredend nur im Level-1-Bereich ohne genaue Einstufung.

Keine Credits ohne Credits: Cambridge zurückgeschickt

Die OpenU wollte von den Kollegen in Cambridge noch ein spezielles Transskript, der einen kurzen Kreditkartenswipe später auch auf dem Weg durch Großbritannien war. Zwei Wochen später erhielt ich die Antwort in meinem Briefkasten: Leider sehe man sich außer Stande, Credits anzuerkennen, weil die Universität (Cambridge) selber keine vergebe. Plausibel, weil die Summer School ja kein ordnungsgemäßer Bestandteil des akademischen Lehrjahres ist, aber dann auch wieder nicht, wenn man um die Regelmäßigkeit, das akademische Level der Summer Schools und die Anzahl der damals Mitstudierenden weiß, die direkt auf dem Anmeldebogen „I shall ask my university for credit“ angekreuzt haben und dies fest im Plan hatten.

Aber gut, die Cambridge-Geschichte war damals eher ein Spaß-Projekt, spielt also hier eigentlich auch keine größere Rolle und ist vermutlich auch die Mehrzahl meiner Leser uninteressant. Dennoch wäre es hier mit einem Hauch guten Willen aufseiten der Universität möglich gewesen, einen schönen Prolog zu setzen. Indes, kommen wir zum Hauptteil.

Drei schwere Briefe gehen übers Land

In einem ersten Schwung schickte ich dem Credit Transfer Centre alle einzelnen Scheine der Medienwissenschaft und Philosophie sowie das Zwischenprüfungszeugnis. Natürlich samt und sonders im Original sowie in beglaubigter Übersetzung. (Danke an Judy Kipper, die ich an dieser Stelle gerne weiterempfehle.)

Die Scheine der Politikwissenschaft habe ich bewusst herausgelassen, um nicht zu verwirren, da Sie ja unter dem Dach des größeren Zwischenzeugnis entstanden sind. Dem ging ein sehr ausführliches Anschreiben mit, in dem ich alles haarklein erklärte und natürlich (wie immer) anbot, bei irgendwelchen Klärungsnotwendigkeiten gerne jederzeit… wissenschon.

Etwa zwei Wochen später erhielt ich abends eine E-Mail vom OpenU-System, dass ein Credit Transfer eingebucht wurde. Wow, das ging ja einfach! Ohne Rückfragen, ohne Bürokratie, einfach so. Mal schauen, wieviel sie mir gutgeschrieben haben.

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Dann ein bizarrer Moment: Zehn Punkte.

Zum ersten Mal in meinem Leben schrieb ich eine dieser im Nachhinein unfreiwillig komischen „Hier muss ein Fehler vorliegen“-Mails, denn das konnte ich mir nun wirklich nicht erklären:

  • Entweder die OpenU hätte rundherum abgelehnt (oder „um Klärung gebeten“) oder
  • in einem gewissen Anteil Credits gewährt. Aber zehn Punkte, also das Äquivalent von 20 ECTS-Punkten? Komisch, aber womöglich ein Anhaltspunkt für meine weiteren Nachfragen.

Im Nachhinein wenig überraschend, wies man meine Vermutung eines Systemfehlers zurück und klärte mich darüber auf, dass erst über weitere Punkte entschieden werden könne, wenn Dokumente klar aufzeigten, was der Studierende mit welchen Credits auf welchem Level mit welchem Aufwand gemacht hatte. Und natürlich Uni-gestempelt.
Okay, sie haben mich herausgefordert – also bekommen sie die schärfste Waffe des deutschen Studiensystems: Die Studien- und Prüfungsordnung meines Nebenfachs, die natürlich in aller mitteleuropäischen Akribie über alle Semesterwochenstunden, Prüfungen und Fachbereiche aufklärte.

An dieser Stelle ein possierlicher Einschub: Das Prüfungsamt der Humboldt-Universität zu Berlin weigerte sich, die Prüfungsordnung auch nur zu stempeln.

Weiter im Text: Besagtes Dokument beglaubigt übersetzt und geschickt.Drei Wochen warten. Dann die postalische Antwort: Können wir leider nichts mit anfangen, denn dieses Dokument redet nicht spezifisch von dir als Studierendem, sondern nur allgemein.

Selbstverständlich hatte ich in meinem Anschreiben darauf hingewiesen, dass die Prüfungsordnung meinem Zwischenprüfungszeugnis eindeutig zuzuordnen ist, wie ein kurzer Blick auf selbiges – auch in der Übersetzung – zeigt. Nützte dennoch nichts.

Allmählich begann ich doch etwas zu zweifeln. Sollte wirklich nichts fruchten? Ein Deck Karten hatte ich noch: Die nicht verwendeten Scheine der Politikwissenschaft – teilweise von den formalen Kriterien identisch mit denen der ersten Sendung (also inklusive ECTS und Note), da müssten doch mindestens zehn, zwanzig Punkte drin sein. Zudem schickt ich auch meine Studienbücher in beglaubigter Besetzung, die meine gesamte Kursbelegung erkennbar machten.

Wieder das gleiche Spiel: Beglaubigt übersetzen, schicken, warten. Wieder drei Wochen später die Antwort erhalten, dass man leider nichts mit den Scheinen anfangen können, weil – wie ja schon früher geschrieben – doch eben genau das Level etc. erkennbar sein müssen.

Wieso aber hatte die OpenU dann überhaupt einen Zehner springen lassen? Was war an den ursprünglichen Scheinen anders? Ich schrieb eine Mail mit genau diesen Fragen, die lange unbeantwortet blieb – normalerweise reagiert das Credit Transfer Centre in drei, vier Tagen, diesmal waren es vier Wochen. Die Antwort war eine schöne Modifikation des üblichen Textbausteins und erklärte tautologisch, dass, weil Scheine ja immer nur nach diesen strikten Anforderungen anerkannt würden, die damaligen diese Kriterien erfüllt haben müssen.
An dieser Stelle habe ich aufgegeben. Sicher, ich hätte noch probieren können, mit Professoren zu sprechen und vielleicht das ein oder andere Begleitschreiben zu erhalten. Aber realistisch war das nicht:

  • Etliche meiner damaligen Lehrkräfte waren bereits im Ruhestand oder sind längst an anderen Universitäten
  • Kein Sekretariat der Welt wird mal eben im Nachhinein ECTS-Punkte, geschweige denn die von der OpenU gewünschten Level-Einstufungen (schon einmal SQCF– oder FHEQ-Punkte auf deutschen Scheinen gesehen?) auf Jahre alten Scheinen hinzufügen.

Übrigens: Besagte SCQF-Level habe ich bei einer Stichprobe in exakt keinem Vorlesungsverzeichnis einer deutschen Universität gefunden (wer sie doch findet, kann sie gerne per Kommentar nennen, dann füge ich das entsprechend ein). Die Open University hat sich ein Regelwerk erarbeitet, dass es auf Basis der Anforderungen jederzeit möglich macht, nahezu jeden in Deutschland erworbenen Schein nicht anzuerkennen. (Und ich bin hier noch gar nicht darauf eingegangen, dass ein Credit Transfer Centre, dass in seiner Online-Dokumentation auch Jahrzehnte alte Spezialfälle abgreift, nichts mit einem Magister-Studiengang anfangen kann.)

Ein persönliches Fazit

Für mich war das eine sehr frustrierende Erfahrung. Es geht nicht darum, dass ich jetzt noch zwei Kurse nachschiebe (wohoo, ein Astro-Zertifikat!) und vielleicht ein Jahr länger herumrödel. Viel schlimmer ist die dahinter liegende Botschaft, selbst wenn sie nicht beabsichtigt ist: Die zwei Jahre Studium sind uns nichts wert und haben keine Bedeutung für deine akademische Laufbahn. Für uns fängst du quasi bei null an, wenn wir mal den Systemfehler am Anfang außen vor lassen.

Ich weiß, dass dem nicht so ist, dass die ersten zwei Jahre an der HU großartig waren und dass ich dort viel gelernt habe, ohne dass ich weder beruflich noch jetzt akademisch dort wäre, wo ich mich befinde. Und ich weiß, dass es keinen Anspruch gibt, Credits angerechnet zu bekommen. Aber: Dass die OpenU gerade deswegen meine Wahl war, weil das Credit Transfer Centre den Eindruck gemacht hat, dass sie etwas von ihrem Metier verstehen, und weil rein thematisch mein Misch-Magister perfekt in einen B.A. (Honours) Humanities passt, wirkt jetzt schon bitter nach.

Vielleicht wäre diese Geschichte zwei Jahre vorher ganz anders gelaufen? Wie unwahrscheinlich ist es, dass im Zuge der Britischen Finanzierungsanpassungen und ihrer Auswirkungen schlichtweg eine Anweisung ans Credit Transfer ging, wesentlich strikter auf all jene Regularien zu achten, die eine konsequente Kursbuchungsquote der Bewerber sichern? Auch nach längerem Überlegen habe ich keine „objektivere“ Erklärung für das Verhalten gefunden.

Es gibt vieles, was ich an der OpenU mag – aber dieses Kapitel gehört nicht dazu, und es nimmt (wie man ja schon sieht) viel Raum ein. Ich wünschte, ich könnte all jenen, die diesen Beitrag lesen, weil sie sich vielleicht wie ich damals zwecks eines Transfers für die OpenU interessieren, bessere Neugikeiten geben. Aber so ist es nun einmal nicht. Als Zusammenfassung gebe ich folgendes auf den Weg:

  • Studienordnungen, ganz gleich wie detailliert, sind egal
  • Scheine sollten ECTS-Punkte (gut, mittlerweile Standard) aber auch Hinweise zum Aufwand (manche Dozenten lassen die SWS ja gerne mal frei) und wenn möglich, „Niveau“ erhalten (Proseminar als Hinweis genügt nicht)

Es kann sein, dass all jene Transferkandidaten, die bereits aus vollständig Bologna- und ECTS-optimierten Gefilden kommen, wesentlich bessere Erfahrungen machen als ich. Das wünsche ich euch sehr herzlich.

2 thoughts on “Credit Transfer an der Open University – ein Erfahrungsbericht

  1. Sehr frustierende Erfahrung. Ich weiß schon, warum ich das gar nicht erst versucht habe. Möchte nicht wissen, wie viel Geld du in Übersetzung und Beglaubigung gesteckt hast.

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