Ein Jahr nach der Wahl: Wie ist die Stimmung im Land?

Ähnlich wie beim vorherigen 100-Tage-Vergleich möchte ich das einjährige Wahljubiläum der derzeitigen Bundesregierung dazu nutzen, einmal einen demoskopischen Vergleich anzustellen – wie steht die jetzige Regierung in den Umfragen, und, wichtiger noch: Wie ist das im Vergleich mit den vergangenen drei Kabinetten zu bewerten.

Anmerkung zur Vorgehensweise: Ich habe für diese Analyse jeweils die zeitlich nächste Umfrage vor dem Erreichen der Ein-Jahres-Marke genommen. Das hat den kleinen Nachteil, dass aufgrund des vor der Veröffentlichung erfolgenden Befragungszeitraumes kein wirklich exaktes 1-Jahr-später-Bild entsteht, sondern nur fast. Dem steht entgegen, dass diese Methode natürlich konsequent angewendet wurde (also auch für die Betrachtung der Vergangenheit), so dass eine gewisse Vergleichbarkeit gegeben bleibt, dass durch die Durchschnittsbildung einzelne Ausschläge ohnehin abgemildert werden und auch, dass anderenfalls gar kein 1-Jahres-Vergleich möglich wäre. Allerdings habe ich mich dafür entschieden, bei der aktuellen Umfrage-Lage nicht nur wie üblich GMS (zu seltener Turnus), sondern auch Infratest dimap auszuschließen, weil die letzte Umfrage in einem anderen Zeitraum erfolgte. Grundsätzliches Kriterium für die gesamte Betrachtung ist die Publikation wöchentlicher Ergebnisse um den betrachteten Zeitraum herum, eine weitere qualitative Unterscheidung und Gewichtung wird nicht vorgenommen. Der Durchschnitt wird immer aus allen jeweils betrachteten Umfrageinstituten gemittelt, weil angenommen wird, dass zwischen diesen an und für sich kein qualitativer Unterschied besteht. Bei der Forschungsgruppe Wahlen gilt grundsätzlich die Projektion, weil ein ähnliches Verfahren für die anderen Institute auch angenommen wird. Alle Umfragen wie immer von Wahlrecht.de.

Die Momentaufnahme mit ihren Analysen. Hierfür aufgenommen: Allensbach (21.9.2010), Emnid (22.9.2010), Forsa (22.9.2010), Forschungsgruppe Wahlen (24.9.2010).
Offensichtlich sind gewisse Unterschiede zwischen den Instituten, die groben Tendenzlinien allerdings reisen miteinander.
Der Vergleich zeigt eine deutliche Verschiebung zugunsten der Oppositionsparteien
Die Entwicklung der sogenannten Volksparteien (CDU/CSU und SPD) und der kleinen Mitstreiter seit der Wahl.

Bemerkenswert scheint mir in dieser Aufstellung der große Unterschied zwischen insbesondere der Forschungsgruppe Wahlen bzw. Allensbach und Forsa bei der Evaluation von SPD und Grünen – einmal elf Prozentpunkte Unterschied, einmal Gleichstand. Emnid liegt dabei in der Mitte. Eine Untersuchung des Unterschieds zwischen politischer Stimmung und der von der Forschungsgruppe herausgegebenen Projektion wiederum ergibt, dass hierbei nicht die Erklärung liegen kann. Es scheint schlichtweg so, als ob sich die Samples der Institute hier wirklich deutlich unterscheiden.

Allensbach Emnid Forsa FGW Mittelwert Bundestagswahl
CDU/CSU 32,5% 31,0% 29,0% 31,0% 30,9 % 33,8%
SPD 29,5% 26,0% 24,0% 30,0% 27,4 % 23,0%
FDP 6,5% 6,0% 5,0% 5,0% 5,6 % 14,6%
Grüne 18,5% 20,0% 24,0% 19,0% 20,4 % 10,7%
Die Linke 8,0% 11,0% 9,0% 9,0% 9,3 % 11,9%

Der Rest des Status Quo dürfte niemanden überraschen: Die FDP [Disclaimer: Ich war einmal Mitglied.] dauerhaft in der Abstiegszone, die CDU etwas schwächer als bei der Wahl, die Linke wohl auch als Resultat ihrer Personalquerelen ebenfalls nicht unbedingt in der Offensive. Indes, ist das ein Bild, wie es eben ein Jahr nach einer Bundestagswahl so zu erwarten ist?

Im Vergleich: Die letzten drei Regierungen

Anmerkung: Um im in der Vorgehensweise konsistent zu bleiben, wurde auch hierbei das gleiche Auswahlkriterium für die Wahl der Umfragen benutzt. Das hatte eine weitere Reduzierung der Umfrageinstitute zur Folge, da lediglich Emnid und Forsa durchgängig im Wochenrhythmus publizieren. Die jeweiligen Anmerkungen zu den Tabellen geben darüber Auskunft, welche Umfrageinstitute ins Panel einbezogen wurden.

Die erste rot-grüne Bundesregierung zog deutlich an der Popularität von SPD und Grünen, besonders die Union profitierte.
Anmerkung: Hier wurden Emnid (24.9.99), Forsa (23.9.99) und Infratest dimap (25.9.99) in die Analyse aufgenommen.

Die Zahlen dieser Epoche zeigen, wie ungeheuer viel in den letzten Jahren wirklich passiert ist. Eine CDU bei deutlich über 40 Prozent, nachdem nur 52 Wochen vorher die erste echte Abwahl der Geschichte stattgefunden hatte – und kleine Parteien, die auch wirklich in einer komplett anderen Liga spielen. Die demoskopisch deutlich gebeutelte SPD kommt immer noch auf eine viermal so große Zustimmung wie die „nächstgrößere“ Partei, die Grünen [Disclaimer: Ich bin Mitglied]. Zu diesem Zeitpunkt war Oskar Lafontaine übrigens schon längst zurückgetreten,  die CDU-Spendenaffäre hingegen noch nicht im Gange – das sollte sich im November 1999 entfesseln.
Es zeigen sich ähnliche Effekte wie bei der ersten Amtszeit. Einziger Unterschied und Unikat in dieser Betrachtung: Die Grünen mit (leichten) Zugewinnen.
Anmerkung: Zur Analyse kamen  Emnid (18.9.2003), Forsa (16.9.2003) und Infratest dimap (19.9.2003).

Ein Jahr, nachdem das Guidomobil eingeparkt und Edmund Stoiber in der Wahlnacht vom sicher geglaubten Thron gestoßen worden waren, aber auch ein halbes Jahr nach der legendären Regierungserklärung vom 14. März 2003 sieht es für die SPD wieder nicht sonderlich gut aus. Rund neun Prozentpunkte Wählerzustimmung messen die Demoskopen weniger. Allerdings: Die Grünen kommen hierbei deutlich besser weg, tatsächlich messe ich hier sogar den einzigen Fall überhaupt, dass eine Regierungspartei nicht an Zustimmung verloren hat. Auch kann die Union die SPD-Misere deutlich weniger für sich nutzen als noch vier Jahre zuvor. Und: Die PDS, wie ein Elternteil der heutigen Linkspartei damals hieß, kann aus der sich anbahnenden Agenda 2010 noch überhaupt kein Kapital schlagen – hierfür wird es letztlich die Umsetzung im Vermittlungsausschuss, die „Montagsdemonstrationen“ und nicht zuletzt die Rückkehr von Gregor Gysi und Oskar Lafontaine in die Politik brauchen.
Die große Koalition zehrt an der Popularität beider Regierungsvertreter, kleine Parteien profitieren
Anmerkung: Für Merkel I wurden gezählt: Emnid (13.9.2006) und Forsa (13.9.2006). (Infratest, Allensbach und die Forschungsgruppe Wahlen publizierten seltener.)
Die große Koalition zehrt jetzt an beiden Regierungsvertretern – das weder die Rente mit 67 noch die Mehrwertsteuererhöhung für große Popularitätszuwächse für die Regierungspartner sorgten, überrascht kaum.

Das Diagramm zeigt den Unterschied in Prozentpunkten, welche die einzelnen Parteien jeweils zu ihren letzten Bundestagswahlergebnissen von den Demoskopen attestiert bekamen.
Setzen wir alle vier Wahlen zueinander ins Verhältnis, wird eine Tendenz sehr deutlich: In der Regierung sein ist ein Garant für sinkende Beliebtheit. Lediglich ein einziges Mal verbuchte ein Regierungspartner keinen Popularitätseinbruch (Grüne 2002-2003), anderenfalls sanken die Werte teilweise um bis zu neun Prozentpunkte.

Betrachtet für diese Analyse werden die jeweiligen Regierungskonstellationen, also für Schröder I und II SPD und Grüne, für Merkel I Union und SPD, für Merkel II Union und FDP.
Oft summieren sich die Effekte dabei auch, sodass der Malus insgesamt schon einmal durchaus zweistellig werden kann. Auch wenn es müßig ist, um jeden Prozentpunkt zu feilschen, insbesondere angesichts der teilweise begrenzten Auswahl an Instituten, so fällt doch auf, dass die Werte der derzeitigen Mannschaft sowohl die größte Abnahme als auch den (knapp) größten Zugewinn der Opposition impliziert.

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