Monthly Archives: October 2009

Stille im Walde

Ja, hier sollte mehr passieren, wenn ich im griechischen Alphabet vom Status des Omega-Bloggers wegkrauchen will. Derzeit hadere ich aber ein wenig mit dem Füllstoffproduzieren. Zum Einen, wie immer und dann doch quasi nie, zeitbedingt. Zum Anderen, weil ich schauen muss, wie ich wirklich interessante Themen baue. Über die künftige Regierung schreiben werden andere zur Genüge. So oft frühstücke ich dann noch nicht. Und mein Fernstudium, bis dato mit exakt null Blogposts versehen, pausiert auch erst einmal bis Februar. Zu allem Überfluss ist jetzt auch noch die fünfte House-Staffel da. Will heißen, meine Damen und Herren: Holen Sie sich ein Getränk oder nutzen Sie die Gelegenheit, kurz aufs Klo zu springen; tun Sie dem Eismann einen Gefallen und nehmen Sie halt das verdammte Magnum Temptation. Der Film geht bestimmt gleich (wieder) los.

Sowohlalsauch: Gentrifizierung und Frühstück in der Kollwitzstraße

Wohl wenige Läden habe ich so oft besucht wie das Sowohlalsauch (Website, Qype, Google Maps; übrigens verpartnert mit dem Entwederoder). Der Grund ist einfach: Der Laden hat ab 8 Uhr auf und war damit das einzige Etablissment, das ich in der dreizehnten Klasse zwischen Schwimmunterricht (“7 Uhr am Beckenrand!”) und regulärer Stunde (10 Uhr, Physik-Erweiterungskurs) jenseits muffliger Bäckerein besuchen konnte.

Damals wie heute strömen die Leute bereits zu geradezu nachtschlafener Zeit in den heimeligen Laden, der mit Klimmt-Zeichnungen, gedeckten Farben und geschwungener Typographie eng zwischen Ambiente und Kitsch mäandert. Zu klassischen Frühstückszeiten ist es durchaus üblich, länger auf einen Platz zu warten, vor einiger Zeit wurden wir sogar, draußen sitzend, gar nicht bedient. Dementsprechend rate ich dazu, bei Besuchen im tiefsten Prenzlauer Berg früher Vogel zu sein und zumindest Kaffee zu fangen.


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Blaues Band an stillgelegtem Gleise

Die Alte Schönhauser Allee, Hausnummer Sieben, an einem Tag, der viel wärmer aussah, als er wah.
Die Alte Schönhauser Allee, Hausnummer Sieben, an einem Tag, der viel wärmer aussah, als er war.

Achtung, Hobbylektoren – viel zu lange, völlig vom Thema abschweifende und absolut SEO-feindliche Einleitung in drei, zwei, eins…

Ich fuchse mich ja sehr gerne in alte S-Bahn, U-Bahn und Straßenbahnpläne, schaue mir an, wo früher noch Schienenfahrzeuge fuhren und fachsimple gerne über mögliche Ausbauten, auch gerne exotischer als der Ausbau der M10 zum Hauptbahnhof. Zu den wenigen innerstädtischen Stilllegungen, die ich mitbekommen habe, zählt die der alten M2-Stammstrecke: Die Straßenbahn aus Heinersdorf (die früher die Nummer 1 war) endet ja jetzt direkt am Alexanderplatz und fährt deswegen nicht mehr über die Torstraße und die Alte Schönhauser zum Hackeschen Markt. Aus ÖPNV-Sicht macht das die Gegend zur verkehrsberuhigten Zone – und ein bisschen vermisst man das gewohnte Zucken und Kreischen (und falschparkerbedingte Stehenbleiben) der Trams, wenn man sich mit reichhaltigem Erfahrungsschatz ins Blaue Band setzt.

Ein simuliertes Im-Bett-Herumdrehen

Dieser Laden (Google Maps, Qype, Website) hat sich mittlerweile in die Agenda so vieler Menschen begeben, dass es ab 11 Uhr zur echten Herausforderung wird, einen Platz zu finden. Es lohnt sich auch durchaus, bereits früher da zu sein und die Stille der Räume zu erleben, bevor sie von Metallklappern und angeregten Gesprächen beschallt wird. (Gut, heute morgen war die Stille ein wenig von Downbeats übertönt, die auch sonst sehr freundliche und überwiegend aufmerksame Bedienung kam dem aber schnell nach.)

Es ist genau die Stimmung, die ich um zehn Uhr habe an einem Samstag, dieses beinahe wach sein, aber natürlich die geöffneten Augen nur simulieren. Besonders der hintere Teil des Blaues Bandes ist dunkel, ohne miefig zu wirken. Eine lange, lange Übereckbank rahmt die übrigen massiven Tische und Stühle, von den hohen Wänden hängen – und das teilweise sehr tief – Lampen, über der Übereckbankrückenlehne zieren Stoffrechtecke die Wand. Continue reading Blaues Band an stillgelegtem Gleise

Die glorreichen sieben Siedler?

Dieser Screenshot ist ebenso schön wie aussagebefreit.
Dieser Siedler-7-Screenshot ist ebenso schön wie aussagebefreit. Ach ja, die Weitsicht wurde verbessert.

Vorbemerkung: Da relativ viele Leute über Suchmaschinen zu diesem Artikel stoßen: Nein, hier gibt es keinen Siedler-7-Test und auch keine weiteren Informationen zur Güte des Spiels. Später vielleicht, jetzt nicht. Schaut doch stattdessen mal beim Siedler-7-Test von Gamersglobal vorbei.

Update 2: Da möchte ich die Gelegenheit doch nutzen, um auf diesen Artikel bei Making Games zur Genesis des ganzen Konzepts hinzuweisen: Die Siedler 7 – Redesign einer Institution.

Nachfolgend der ursprüngliche Artikel:

Siedler 7 kommt. Das war nicht überraschend. Die Vorgeschichte ist reichlich, die Serie spinnt sich ihre Wege mittlerweile sowohl in einer Traditionsreihe nach dem Siedler-2-Prinzip (letzte Auskopplung: Das spielerisch solide, musikalisch grausame Aufbruch der Kulturen) als auch die Evolutionsreihe, die auch international was reißen soll.

Einschub: Die Herausforderung des Siedler-Bauens

Den Rang oberster Aufbaugüte hat die Serie verspielt: Zu erratisch und unstet waren die Entwicklungen, zu wenig hat ein wirkliches “Branding” stattgefunden. Fans streiten, ob Teil zwei oder drei der Beste war, die übrigen Titel tauchen in Diskussionen nur als dieser komische “Sonstige”-Balken der 18-Uhr-Prognosen auf. Kommerziell lief die Serie zumindest hierzulande immer – wobei die Tatsache, dass für Aufstieg eines Königreichs (Siedler 6) nur ein Add-on erschien und für Aufbruch der Kulturen gar keins, eher auf mäßig begeisternde Flipcharts hinweist, schließlich hatte Teil 5 noch zwei Erweiterungen bekommen der Aufbruch der Kulturen-Vorgänger Die nächste Generation immerhin noch die Wikinger-Kampagne.

Logistiksimulation, direkter Aufbau mit Siedler-Häusern und Echtzeitkampf, dann Vereinfachung des Wirtschaftsteils zugunsten von mehr Kämpfen, dann Vereinfachung und Verlangsamung des ganzen Spiels – eine strübingente Entwicklungsstrategie sieht anders aus. Klar, die Herausforderungen für Siedler-Entwickler sind hoch: Continue reading Die glorreichen sieben Siedler?

Der Bundesrat als Gegengewicht zu Schwarz-Gelb?

Diagramm: Mehrheitsverhältnisse im Bundestag seit 1990 - für Vergrößerung bitte klicken.
Diagramm: Mehrheitsverhältnisse im Bundestag seit 1990 - für Vergrößerung bitte klicken.

Oskar Lafontaine kündigte es noch am Wahlabend an: Der Bundesrat wird das Instrument für Oppositionspolitik werden. Gut gebrüllt, Löwe? Vermittlungausschuss oder gar Totalblockade für Projekte des Mitte-Rechts-Bündnisses?

Der Bundesrat – Indikator für die Lage der Nation

Nein. Das geben die Mehrheitsverhältnisse derzeit nicht her. Es mag einmal anders gewesen sein, wie meine Aufstellung rechts mit der ganzen visuellen Überzeugungskraft von Diagrammen (und auf Basis dieses Wikipedia-Beitrags) aufzeigt: Eine „echte“ schwarz-gelbe Majorität gab es zu Kohls Zeiten nur bis zum Sommer 1991, als Rheinland-Pfalz und Hessen Ministerpräsidenten mit SPD-Parteibuch bekamen.

Über eine echte Mehrheit im Bundesrat verfügte die SPD respektive rot-grün von Oktober 1997 bis April 1999, als in Hessen die CDU Hans Eichel ins Bundesfinanzministerium schickte. Dennoch lässt sich an der Grafik gut ablesen, wie sozialdemokratische respektive konservative Regierungen insgesamt an Zuspruch gewannen oder verloren – und wie die Bundestagswahlergebnisse dies mit einiger Verzögerung aufholten.

Auch die zunehmende Bedeutung der FDP – und allgemein die immer selteneren absoluten Mehrheiten – werden deutlich:

  • Im Oktober 1994 war fast die Hälfte der Bundesratsstimmen (33) in der Hand absolut regierender CDU- oder SPD-Regierungen – jetzt sind es gerade einmal vier Stimmen aus Rheinland-Pfalz.
  • 1996 war gerade einmal eine Landesregierung – und damit vier Stimmen – mit FDP-Beteiligung vertreten, nach immerhin 26 kurz nach der Wiedervereinigung. Mittlerweile sind sechs Länder und damit 33 Bundesratsstimmen mit in FDP-Hand, allerdings unter ziemlicher Monokultur, die liberalen gibt es nur noch im Verbund mit den C-Parteien.

Die Grafik rechts oben richtet sich, wie auch das Stimmrecht im Bundesrat, nach den Sitzen, das sich allerdings nur lose an der Bevölkerungszahl orientiert: Bremen entsendet für knapp eine halbe Million Einwohner drei Mitglieder, Nordrhein-Westfalen mit seinen 17 Millionen Einwohnern gerade einmal das doppelte. Eine die Bevölkerungszahl repräsentierende Darstellung würde zumindest seit 2005 eine deutliche schwarz-gelbe Hegeomnie zeigen: Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Sachsen und NRW zusammen zählen weit mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung.

Noch eine Anmerkung: Die CDU-FDP-PRO-Koalition ist im gelben Lager eingeordnet, die ebenfalls im Hamburg zelebrierte Kooperation von SPD und STATT-Partei neutral-grau. Minderheitsregierungen – auch die jüngste in Schleswig-Holstein – zählen komplett. Continue reading Der Bundesrat als Gegengewicht zu Schwarz-Gelb?

Demoskopie 2009: Wie gut waren Allensbach, Emnid, Infratest, Forsa und die Forschungsgruppe Wahlen?

Die ersten Beiträge im Vorfeld der Bundestagswahl 2009 beschäftigten sich mit den Abweichungen der einzelnen Institute, sowohl einzeln betrachtet als auch über die Wahlen hinweg. Eine entsprechende Betrachtung für 2009 liefere ich jetzt nach, zunächst isoliert auf die letzte Wahl betrachtet.

Letzte Prognosen der Umfrageinstitute vor der Bundestagswahl 2009
Partei Allensbach (22.9.) Emnid (17.9.) Forsa (25.9.) Forschungsgruppe Wahlen (Projektion, 18.9.) GMS (18.9.) Infratest dimap (17.9.) Mittelwert Ergebnis
Union 35% 35% 33% 36% 36% 35% 35,0% 33,8%
SPD 24% 25% 25% 25% 25% 26% 25,0% 23,0%
Grüne 11% 11% 10% 10% 11% 10% 10,5% 10,7%
FDP 13,5% 13% 14% 13% 13% 14% 13,4% 14,6%
Linke 11,5% 12% 12% 11% 11% 11% 11,4% 11,9%

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Die Große Koalition: Politikverdrossenheit, Piraten und der politische Rand

Ich hatte in meinem ersten Beitrag zu dieser Thematik bereits vehemente Zweifel an der These geäußert, dass Große Koalitionen an und für sich den politischen Extremismus stärken. Eine oft vorgetragene These, für die sich aber jenseits von 1969 keinerlei Beleg finden lässt.

Für 2009 lässt sich konstatieren, dass extreme Parteien nicht hinzugewonnen haben, im Gegenteil: Die Republikaner scheiterten sogar an der 0,5%-Hürde für Wahlkampfkostenrückerstattung, die NPD ist mit 1,5% (-0,1% oder auch 113.131 Stimmen weniger als 2009) nur noch die bundesweit achtstärkste Kraft.

Und nein, auch wenn das in reaktionären Kreisen gerne kolportiert wird, die Linkspartei ist im Kern keine extreme Kraft: Sie fordert weder die Einführung der Räterepublik noch der Planwirtschaft. Ihr Programm mag man populistisch finden und es sind sicher etliche Maximalforderungen dabei – die aber meines Erachtens deswegen auch so entrückt wirken, weil sich wirtschafts- und arbeitsmarktpolitische Ansichten im letzten Jahrzehnt insgesamt gewandelt haben. Oder möchte ernsthaft jemand behaupten, der ehemalige Willy-Brandt-Berater Albrecht Müller ist linksradikal? Eben.

Die Folgen der Koalition: Verlierer und Gewinner

Die Unzufriedenheit der Bürger hat sich stattdessen schlichtweg darin manifestiert, dass knapp zehn Prozent (oder sieben Prozentpunkte) weniger von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht haben, und dass Unionsparteien und natürlich die SPD enorme Verluste erlitten haben. Darin drückt sich meines Erachtens nicht die Verachtung der Großen Koalition als Große Koalition aus, sondern die Unzufriedenheit mit Entscheidungen wie der Rente ab 67 und der TINA-Dogmatik dahinter. Continue reading Die Große Koalition: Politikverdrossenheit, Piraten und der politische Rand

Überhangmandate und die Bundestagswahl 2009 (2)

Ob mit (innerer RIng) oder ohne (außen) Überhangmandate, das Mitte-Rechts-Bündnis verfügt über eine stabile Mehrheit.
Ob mit (innerer Ring) oder ohne (außen) Überhangmandate, das Mitte-Rechts-Bündnis verfügt über eine stabile Mehrheit.

Im Vorfeld der Bundestagswahl 2009 wurde viel darüber debattiert (auch von mir), ob bei einem knappen Ergebnis vielleicht Überhangmandate die Sitzverteilung kippen könnten. Sogar Klagen drohten etwa die Grünen (deren Mitglied ich bin) und die Linken in einem solchen Fall an. Nun, das Ergebnis war dann doch so eindeutig, dass es keiner Überhänge bedarf für den Regierungswechsel. Trotzdem ist es interessant, sich den Einfluss auf die Sitzverteilung anzuschauen.

Dafür vergleiche ich im Folgenden drei Werte:

  1. Den Zweitstimmenanteil der im Bundestag vertretenen Parteien – trivial.
  2. Den Sitzanteil, wenn allein die Zweitstimmen über die Sitzverteilung entscheiden würden, bei Berücksichtigung der Fünfprozenthürde. Erklärung: CDU, CSU, SPD, FDP, Grüne und Linke haben zusammen 94 Prozent der abgegeben, gültigen Zweitstimmen erhalten, die an 100 Prozent fehlenden Anteile werden proportional mit einem Faktor allen Parteien zugefügt. Der Rechenschritt: Spalte 1 mal (100/94). Käme zur Bundestagswahl ein reines Divisorverfahren zum Einsatz, sähe die Sitzverteilung so aus.
  3. Der tatsächliche Sitzanteil im Bundestag (genau, der Rechenweg ist Sitze der Partei geteilt durch Summe der Bundestagssitze).

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