Deutschland – eine Fernsehdemokratie? Der Einfluss von TV-Duellen (2)

Die Kritik am Format dominiert die Berichterstattung über das Duell von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (zum Nachlesen: mein Liveblog). Für die Strategen in Konrad-Adenhauer- und Willy-Brandt-Haus wesentlich interessanter ist die Bewertung der Diskutanten und die damit möglichen Auswirkungen auf das Bundestagswahlergebnis.

Die Zahlen: Steinmeier besser…

Der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering sah die Wende im Wahlkampf kommen, und tatsächlich sprechen manche Werte für Steinmeier – aber keinesweg alle, und auf dem „wir haben besser abgeschnitten, als erwartet”-Faktor vermochte Angela Merkel 2005 nichts herauszuholen, im Gegenteil. Vor der die jüngsten Entwicklungen auswertenden Zahlenkolonne ein passendes Pispers-Video (die darin genannten Zahlen stimmen nicht):

In der Presse dominiert der Verriss am Format und der Bräsigkeit ja auch, weil trotz Steinmeiers Bemühungen die Unterschiede der beiden eben nur punktuelle aufblitzten, bis die Moderatoren wieder ihre Metaphern- und Fragenkatalogdecke drüberwarfen.

… aber womöglich nicht gut genug

Ich hatte in meiner vergangenen Analyse zum Fernsehduell die These entworfen, dass Steinmeier einen gigantischen Satz machen muss, rhetorisch und danach demoskopisch. Nach letzterem sieht es derzeit nicht aus.

Die ersten Umfragen mit einem Befragungszeitraum nach dem Duell sehen die Union 13,5 (Allensbach), 10 (Emnid), 9 (Infratest dimap) und 13 (Forsa) Prozentpunkte vor der SPD, das Mitte-Rechts-Bündnis kommt auf 48 bis 49 Prozent (was wegen des hohen Anteil sonstiger Parteien knapp für eine Mandatemehrheit reichen würde).

Die Zeit rennt

Knapp zehn Tage vor der Wahl ist das aus SPD-Sicht zwar stark verbesserungswürdig, aber zumindest nicht hoffnungslos. Die nachfolgende Tabelle zeigt einmal die Abstände der beiden großen Parteien bei den letzten Bundestagswahlen jeweils x Tage vor der Wahl (diesmal statt des gemittelten Datums die genauen Angaben entsprechend der Veröffentlichungen, weil ich nur einen Trend zeigen möchte: die oberen Werte für 2005 und 2009 trage ich noch nach):

Tage zur Wahl 2002 2005 2009
30 3,6%
26 4,1%
24 1,8%
18 2,0% 12,5%
17 11,4% 13,0%
16 12,0%
13 0,7%
12 13,5%
11 13,0%
10 -1,1% 8,2% 9,5%
6 -1,2% 8,1%
2 -1,5% 9,0%
0 (=Wahl selbst) 0,0% 1,0%
Vergleich: So entwickelte sich der CDU/CSU-Vorsprung 2002, 2005 - und 2009
Vergleich: So entwickelte sich der CDU/CSU-Vorsprung 2002, 2005 - und 2009

In Diagrammform (die Option zum Schließen der Lücken bietet mir OpenOffice leider entgegen meiner Recherchen nicht) sieht das Ganze dann aus wie im rechtsstehenden Bild. Was lässt sich daraus schlussfolgern?

  • Auf Unions- (und damit FDP-)Seite sollte der Sekt besser auf Kommission bestellt werden. Zwar ist der letzte Abstand (17. September 2009, Durchschnitt aus Infratest und Emnid) immer noch um Prozentpunkte größer als 2005 (würde man ein Datumsdurchschnittsverfahren wie beim letzten Eintrag wählen, wäre er sogar immer noch zweistellig), allerdings bleibt die Erkenntnis, dass erst am Wahltag 90 Minuten vorbei sind (oder so).
  • Das Unionsergebnis selbst ist institutsübergreifend stabil (die letzten vier Umfragen aller großen Institute außer der Forschungsgruppe Wahlen ergeben einen Durchschnitt von 35,8%).
  • Die SPD wiederum kann nur bei Forsa und Infratest dimap aufholen (die sind auch für den kleineren Abstand zuständig, siehe ersten Spiegelstrich). Es bleibt eine Wiederholung des 2005er-Endspurts nicht völlig aus der Welt – aber hat die SPD die eigene Kraft dazu?

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