Monthly Archives: September 2009

Bundestagswahl 2009: Die Rolle der Wahlbeteiligung

Ich hatte bereits analysiert, welche Parteien von hoher Wahlbeteiligung eher profitieren, welche eher darunter leidern – und bei welchen Parteien kaum signifikante Zusammnhänge festzustellen sind. Dieses Resultat nahm auch in meiner Prognose einen zentralen Teil ein. Ich hatte im Beitrag zum möglichen Einzug der Piraten eine Wahlbeteiligung von 74% für möglich gehalten – die tatsächlichen 70,8% (sagt der Bundeswahlleiter, (Nicht-)Wählerwanderungen bei der ARD) kamen mehr als überraschend.

Tatsächlich haben sich aber die vorherigen Analysen sogar noch verstärkt. Kurz gesagt: Rekordtief für Wahlbeteiligung und SPD, Rekordhoch für die FDP. Ausführlicher habe ich das mal wieder mit schönen Statistik-Funktionen analysiert, Erklärungen und Schwierigkeiten dieses Modells sind im ersten Artikel zu finden. Wie auch vorher, ist die nachfolgende Tabelle nach Wahlbeteiligung sortiert.

Wahlbeteiligung aller gesamtdeutschen Bundestagswahlen und Korrelation
Jahr Wahlbeteiligung Union SPD FDP Grüne* PDS/Linke
2009 70,8% 33,8% 23,0% 14,6% 10,7% 14,6%
2005 77,7% 35,2% 34,2% 9,8% 8,1% 8,7%
1990 77,8% 43,8% 33,5% 11,0% 5,0% 2,4%
1994 79,0% 41,5% 36,4% 6,9% 7,3% 4,4%
2002 79,1% 38,5% 38,5% 7,4% 8,6% 4,0%
1998 82,2% 35,1% 40,9% 6,2% 6,7% 5,1%
Korrelationen 0,29 0,99 -0,94 -0,68 -0,81
Bestimmtheitsmaß 8% 97% 0,88 0,47 0,66

*Die Grünen-Abgabe ist statistisch, vorsichtig gesagt, unsauber, weil ich dafür die Einzelergebnis von Ost- und West-Grünen für 1990 addiert habe. Es bleibt aber so oder so insignifikant.

Im direkten Vergleich hat sich die Korrelation sogar noch verstärkt, sie betrug bei der vorherigen Analyse für die SPD 0,93 (Bestimmtheitsmaß 86%) und für die FDP 0,8 (Bestimmtheitsmaß 65%).

Was heißt das für den praktischen Politikbetrieb?

  • Die SPD braucht eine positive Aufbruchstimmung, um ihre Wähler zu mobilisieren, allgemeine Politikverdrossenheit schadet ihr. Bei ihr korrelieren die allgemein nachlassende Bindungskraft der Volksparteien und das nachlassende Vertrauen in die parlamentarisch-repräsentative Demokratie besonders.

  • Die FDP hingegen ist so ein bisschen wie das Miracel-Whip-Männchen, das besonders dann profitiert, wenn es alles fade und schwer schmeckt – und rein numerisch haben sie eine treue Anhängerschaft (denn es braucht bei weniger abgegebenen Stimmen auch weniger Kreuze für einen bestimmten Anteil darunter)

Haben die Piraten die Bundestagswahl 2009 entschieden?

Genau wie bei der Analyse zu ihren Chancen, in den Bundestag einzuziehen, ist auch hier die Antwort wieder eindeutig: Nein. Es gibt eine Fußnote dazu, aber elementare Mathematik deutet die Lösung bereits an:

CDU/CSU und FDP kommen zusammen auf 48,4% der abgegebenen, gültigen (Zweit-)Stimmen, ziemlich genau 21 Millionen. SPD, Linke und Grüne erreichen zusammen 45,6%, oder auch 19,7 Millionen Stimmzettel. Fehlen also 2,8 Prozentpunkte, oder 1,3 Millionen Kreuze. Die Piraten kommen auf 1,95%, der Bundeswahlleiter nennt 845.904 Stimmen.

Also: Selbst wenn alle Wähler der Piratenpartei SPD, Grüne oder Linke angekreuzt hätten, hätte sich am Ergebnis nichts geändert: Das Mitte-Rechts-Bündnis hätte so oder so eine Mehrheit, auch ohne Überhangmandate. Continue reading Haben die Piraten die Bundestagswahl 2009 entschieden?

Klassenkampf 2009: Das neue Fünfparteiensystem

Es gibt im Rahmen einer Nachlese der Bundestagswahl (Endergebnis beim Bundeswahlleiter) einiges zu analysieren, und ich werde in den nächsten Tagen noch ein wenig die Tabellenkalkulation strapazieren. Indes, die vielleicht wichtigste änderung ist nicht das Fünfparteiensystem an und für sich, sondern die sich auflösenden Verhältnisse darin.

Die Volksparteien: Eine Reise in die Vergangenenheit

Nein, ich stelle nicht zum wiederholten Male die Frage, ob sich die SPD noch Volkspartei nennen darf, sondern ich stelle die grundsätzliche Klassifizierung in Frage. Kuchen und Krümel, das gilt kaum noch – und ich will die Analyse nicht auf die Momentaufnahme einer schwachen SPD und einer überstarken FDP reduzieren. Richtig ist: Mit ihrem Ergebnis ist die SPD näher an der FDP als an der Union. Richtig ist ebenfalls: Die Union hat das zweitschlechteste Ergebnis der Geschichte geholt, wenn man denn den Startschuss 1949 überhaupt mitzählen kann. Die Bonner und später Berliner Republik, wie sie sich in den Fünfziger Jahren formte, Unterschied klar: Continue reading Klassenkampf 2009: Das neue Fünfparteiensystem

Bundestagswahl 2009: Meine Prognose

Bei diesem Beitrag handelt es sich um meine Vorab-Vorhersage, die, positiv formuliert, für immerhin viereinhalb Parteien zutraf – aktuelle Hochrechnungen gibt’s bei der ARD.

Ich hatte ja schöne multivariate Analysen und dolle Simulationen für Überhangmandate versprochen. Tja, daraus wird leider nichts, stattdessen habe ich “nur” eine Prognose auf Basis aller bisherigen Analysen abzuliefern. Ich gebe dabei jeweils einen Korridor an, den ich für wahrscheinlich halte – und, der Einfachheit halber, einen “Wenn ich mich unbedingt festlegen muss”-Tipp. Continue reading Bundestagswahl 2009: Meine Prognose

Unentschlossene Wähler machen die Musik

Ein Drittel der Wähler unenschlossen, drei Wochen bis zur Wahl, was schlussfolgern wir? „Es sind keine Erdrutsche zu erwarten“, zitierte die Rheinische Post am 26. August 2005 Emnid-Chef Klaus-Peter Schöppner. Das Ergebnis ist bekannt, auch bei Emnid. 2002 war ebenfalls ein erheblicher Teil des Elektorats lange Zeit nicht entschieden und wohl mitverantwortlich für die Aufholjagd der SPD.

Und 2009? Ist der unentschlossene Wähler weiterhin in aller Munde. Grund genug, um einmal die linearen Gleichungssysteme auf ihn zu jagen. Nachfolgend stelle ich zwei Modelle auf, um den Einfluss von unentschlossenen Wählern zu berechnen und damit eine Prognose für 2009 aufzustellen.

So entschieden die Spätentscheider

Die zugrunde liegende Gleichung für das Ergebnis einer Partei ist sogar relativ einfach:

(Ergebnis unter entschlossenen Wählern × Anteil entschlossener Wähler) + (Ergebnis unter unentschlossenen Wählern × Anteil unentschlossener Wähler) = Gesamtergebnis

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Überhangmandate und die Bundestagswahl 2009 (1)

In den Blättern rauscht es derzeit intensivst: Schwarz-gelb könnte, geschuldet den Überhangmandaten, selbst bei fehlender Zweitstimmenmehrheit noch über die Majorität der Abgeordneten verfügen. Skandal, schreien die Einen, Wahlrecht halt, erwidert die Gegenseite. Das Bundesverfassungsgericht (und auch die Experten von Wahlrecht.de, ebenfalls fein: Beitrag in der Frankfurter Rundschau) haben das gegenwärtige Wahlrecht kritisiert (ersteres mit entsprechender verfassungsgegebener Kraft). Tatsächlich ist das kombinierte Verhältnis- und Mehrheitswahlrecht, was wir in Deutschland haben, weder besonders einfach noch paradoxienfrei.

Überhangmandate: Die Erklärung

Alle Kandidaten, die einen Wahlkreis direkt gewinnen (Erststimme), ziehen in den Bundestag ein, unabhängig von den Zweitstimmen. Wenn in einem Bundesland mehr Kandidaten via Erststimme ins Parlamant gelangen, als es mit der Zweitstimme der Fall gewesen wäre, bezeichnet man die Differenz als Überhangmandate. (Ich finde die gängigen: “Überhangmandate entstehen, wenn eine Partei mehr Direktmandate hat, als ihr via Zweitstimmenanteil zustünden…”-Erklärungen ein wenig umständlich.)

Ein praktisches Beispiel: Die SPD gewann in Hamburg 2005 alle sechs Wahlkreise direkt. Gemäß Zweitstimmenergebnis (38,7%) standen ihr fünf Hamburger Bundestagsabgeordnete zu. Der/die sechste im Bunde hat also das Etikett „Überhangmandat“. Continue reading Überhangmandate und die Bundestagswahl 2009 (1)

Deutschland – eine Fernsehdemokratie? Der Einfluss von TV-Duellen (2)

Die Kritik am Format dominiert die Berichterstattung über das Duell von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (zum Nachlesen: mein Liveblog). Für die Strategen in Konrad-Adenhauer- und Willy-Brandt-Haus wesentlich interessanter ist die Bewertung der Diskutanten und die damit möglichen Auswirkungen auf das Bundestagswahlergebnis.

Die Zahlen: Steinmeier besser…

Der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering sah die Wende im Wahlkampf kommen, und tatsächlich sprechen manche Werte für Steinmeier – aber keinesweg alle, und auf dem „wir haben besser abgeschnitten, als erwartet”-Faktor vermochte Angela Merkel 2005 nichts herauszuholen, im Gegenteil. Vor der die jüngsten Entwicklungen auswertenden Zahlenkolonne ein passendes Pispers-Video (die darin genannten Zahlen stimmen nicht): Continue reading Deutschland – eine Fernsehdemokratie? Der Einfluss von TV-Duellen (2)

Liveblogging: Das Kanzlerduell

Anmerkung: Bei diesem Beitrag handelt es sich um den importierten (und minimal bereinigten) Liveblog zum Fernsehduell zwischen Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier. Weil kein sauberes Trennen in einer Tabelle möglich ist, bitte gleich auf den Link zum kompletten Beitrag klicken. Das “Original” kann man bei Cover it live noch einmal nachlesen, inhaltlich gibt es dabei aber keine Änderungen.
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Kundenservice im Sinne der Bahn

Das Standardequipment für Fahrgastrechte: Fahr- oder Zeitkartenkopie und Formular im Zeltplanenformat.
Das Standardequipment für Fahrgastrechte: Fahr- oder Zeitkartenkopie und Formular im Zeltplanenformat.

Fahrgastrechte klingt ja erst einmal gut. Wenn man schon irgendwo in der Provinz kostbare Lebenszeit buchstäblich hat wegfließen sehen, während der Schaffner (oder wie auch immer MC AnsagenDude jetzt gerade heißt) seine Schadenfreude kaum unterdrücken konnte, dann gibt’s dafür wenigstens was wieder. Lebenszeit nicht, aber immerhin das angebliche Äquivalent davon. Oder immerhin das Äquivalent des Äquivalents, nämlich einen Gutschein. Das ist der Punkt, wo das Gleichheitszeichen ebenfalls schadenfroh wird.

Zettelkampf: 48 Felder Informationsdurst

Und da hat es den neuen Fahrgastrechtefaltzettel noch gar nicht gesehen. Ich habe von meiner letzten Verspätungsodyssee ein solches Exemplar mitbekommen und war von der Eingabefeldvielfalt so beeindruckt, dass das Faltblatt erst einmal die selbe drauflustinduzierte Priorisierung bekam wie meine Steuererklärung. Für die Steuern etwas gibt’s immerhin Software mit Videoeinspielungen, aber bei der Bahn nur lange mehrfach verschachtelte Textwüsten. Continue reading Kundenservice im Sinne der Bahn