Keine Experimente – Die Adenauer-User

Ich bin ja ein ziemlicher Geek. „Code is Poetry“ würde ich sofort unterschreiben, seit Anfang letzter Woche steht ein PowerMac G3 unter unserem knapp vier Meter langem Schreibtisch, unter dem MacBook Pro und neben dem (aktuell beurlaubten) Windows-Rechner, das hier schreibe ich gerade auf einem PowerBook G4. Ich finde Software faszinierend, sogar an und für sich. Paint Shop Pro gegen Photoshop abwägen, stundenlang die Windows-Historie durchlesen – herrlich. Oder eben Interface-Videos schauen wie das hier zur Entwicklung des Office-2007-Ribbons.

Die offenen Ribbons und die offene Nicht-Gegenliebe

OpenOffice.org setzt bisher auf das klassische Menü- und Toolbarsystem. Das funktioniert soweit leidlich. Richtig und gut ist: Die Entwickler haben erkannt, dass das System, egal ob im Vergleich mit Microsoft Office oder mit iWork, die hässlicher-Schwimmvogel-Medaille erhält. Und das wollen sie ändern, im Project Renaissance. Und das dabei formulierte Paradigma trifft es sehr gut:

“Create a User Interface so that OpenOffice.org becomes the users’ choice not only out of need, but also out of desire”

Erfasst. Ein Interface muss nämlich nicht nur funktional sein, sondern auch freundlich und angenehm. Auch wenn jeder auf Nachfrage sagt, er möchte nur produktiv sein und „Klickibunti“ sei nicht notwendig: Ich wage die These, dass die überwältigende Mehrheit aller Menschen zufriedener und effizienter arbeiten, wenn sie das in einer auch ästhetisch angenehmen Umgebung tun. Und das sind die Ribbons nun einmal.

Allerdings: Ein erster Prototyp hat ein Echo ausgelöst, was als durchwachsen zu beschreiben ein Euphemismus wäre. Sicher mit einigem Recht, denn das System sieht wirklich nur aus wie ein Ribbon-Klon und beseitigt das Hauptproblem von OpenOffice nicht: OpenOffice ist hässlich. Einfach nur unansehnlich. Das Ding hat den optischen Charme von Office 95, und damit tut es weder sich noch den Usern ein Gefallen. Warum?

Die Kommentare im Heise-Forum erinnern mich auch ein bisschen an das Echo in meiner damaligen Firma bei der Umstellung. Brr, mag ich alles nicht. Ich finde jetzt nichts mehr. Wozu, ging doch prima? Richtig ist: Natürlich bedarf jede Neuerung einer kurzen Umgewöhnungsphase, und diese muss sich auch auszahlen.

Aber das tut sie: Jeder Power-User, der bei Microsoft Office 2003 aus dem respektive im Schlaf wusste, was jetzt in den Untiefen welcher Menüstruktur verborgen ist, wird nach wenigen Augenblicken auch die neue Variante ohne Mühe beherbergen. Ich wage sogar die These, dass mit der Einführung dieses Interfaces erstmals ein Microsoft-Produkt nicht mehr das Gefühl vermittelt, dass man es „beherrschen“ muss, sondern dass es einem wirklich unter die Arme greift, dass es ein Freund ist, dass man damit gerne arbeitet. In den vielen Kommentaren entdecke ich dagegen eher typisches Microsoft-Bashing oder, noch faszinierender: Eine enorme Konservativität.

User, egal wie power, sind auch Tiere, und zwar gewohnheits. Das ist ihr gutes Recht, und alle Zwonullapologeten sagen, dass sich gefälligst alle Firmen danach zu richten haben. (Mutmaßlicherweise wäre eine bessere Transition für den Vierjahressprung auch keine schlechte Idee gewesen.) Gleichzeitig hieße das, dass Apple nie mit Mac OS X anfangen hätte brauchen oder Windows mit der Taskleiste.

User sind erstaunlich konservativ

User verkraften größere Paradigmenwechsel generell eher schlecht. Ich halte diese aber für notwendig, damit sich Applikationen (und damit wichtiger: die Möglichkeiten und die Produktivität der Anwender) weiter entwickeln können. So wie Microsoft es vorgemacht hat – meines Erachtens erfolgreich. OpenOffice kann gerne nachmachen – den Erfolg, nicht das Konzept.

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