Analyse: Fehler lagerübergreifend ausgeglichen?

Bei der letzten Analyse der Umfrageinstitutsfehler hat sich ergeben, dass mit Ausnahme einer durchgehenden Unterbewertung der Grünen und sehr unionsfreundlicher Prognosen keine Gesetzmäßigkeiten schlussfolgern lassen. Allerdings lohnt es sich, zu untersuchen, ob Fehler, wenn nicht parteiübergreifend, so doch innerhalb bestimmter Lager oder anderer Klassifikationen auftreten.

Ausgewählte Gruppierungen

Ich betrachte daher heute die entstandenen Fehler für 1998, 2002 und 2005, jeweils anhand der letzten veröffentlichten Ergebnisse vor der Bundestagswahl, für die folgenden Gruppierungen:

  • Union + FDP, die konservativ-liberale Koaltion, in den Medien gerne mit dem Begriff ‘bürgerlich’ besetzt und immerhin die Konstellation, in der die Bundesrepublik insgesamt 33 Jahre regiert wurde
  • SPD + Grüne, das einzige Regierungsbündnis von zumeist als links der Mitte klassifizierten Parteien
  • SPD + FDP, die sozialliberale Option, in Deutschland seit 1982 gelegentlich immer wieder diskutiert und in Rheinland-Pfalz bis 2006 immerhin noch auf Landesebene durchgeführt
  • Union + SPD, die Volksparteien mit ihrer breiter aufgestellten Wählerschaft im Verhältnis zu den Kleinparteien
  • Union + Grüne, spätestens seit der Koalition in Hamburg ist klar: das geht, auch wenn es historisch lange unwahrscheinlich schien
  • SPD + Grüne + Linke, alle mehr oder minder als “links” klassifizierbaren Parteien
  • FDP + Grüne + Linke, keine Koalitionsoption, aber eine Analyse könnte unter Umständen eine durchgängige Fehleinschätzung der Kleinparteien in eine Richtung aufzeigen

“Linke” bezeichnet dabei wie üblich 1998 und 2002 die PDS. Nicht alle der gewählten Bündnisse sind wahrscheinliche oder auch nur mögliche Koaltionen, sondern statistisch interessante Gruppierungen. So wäre es etwa möglich, dass zwischen zwei sich weniger grünen Parteien Wählerwanderungen genau in dem Maße stattfinden, wie die Demoskopen sie nicht erfassen.

Die Analyse

Was sich zeigt: Parteispezifische ungenaue Messungen gleichen sich, in politischen Lagern gedacht, kaum aus: Zwar hat die FDP 2005 stärker abgeschnitten als erwartet, bei der Union war es umgekehrt, ein entsprechender Zusammenhang ist aber nicht durchgängig festzustellen. Die Amplituden der jeweiligen Konstellationen werden nicht kleiner, die Vorzeichen der Abweichungen wechseln oft. Im Detail:

Institut
Lager / Koalition Jahr Allensbach Emnid Forsa Forschungsgruppe Wahlen Infratest dimap Mittelwert aller Institute
FDP + Grüne + Linke 1998 -0,6% -2,1% -3,1% -2,1% -0,1% -1,6%
2002 1,5% 0,0% -1,3% -1,0% 1,2% 0,1%
2005 -3,1% -5,1% -5,1% -4,6% -4,6% -4,5%
SPD + FDP 1998 -0,1% -2,1% -1,1% -2,1% -1,1% -1,3%
2002 1,1% 1,1% 0,6% 1,6% 1,1% 1,1%
2005 -3,5% -4,0% -3,5% -3,0% -3,5% -3,5%
SPD + Grüne 1998 -1,1% -0,6% 0,4% -2,1% -0,6% -0,8%
2002 -2,1% -1,1% -1,1% -0,1% -0,6% -1,0%
2005 -2,8% -1,8% -2,8% -1,3% -1,3% -2,0%
SPD + Grüne + Linke 1998 -1,3% -1,8% 0,2% -2,8% -0,8% -1,3%
2002 -1,6% -0,1% -0,8% 0,4% 0,1% -0,4%
2005 -3,0% -2,5% -4,0% -2,0% -1,5% -2,6%
Union + FDP 1998 1,2% 2,7% 0,7% 1,7% 2,7% 1,8%
2002 0,6% -0,9% -0,9% -1,4% -1,4% -0,8%
2005 4,5% 3,5% 4,5% 3,0% 2,5% 3,6%
Union + Grüne 1998 0,2% 4,2% 2,2% 1,7% 3,2% 2,3%
2002 -2,6% -3,1% -2,6% -3,1% -3,1% -2,9%
2005 5,2% 5,7% 5,2% 4,7% 4,7% 5,1%
Union + SPD 1998 0,5% 3,0% 4,0% 1,0% 2,0% 2,5%
2002 -2,5% -1,0% -0,5% 0,0% -2,5% -1,3%
2005 4,6% 6,1% 5,6% 5,6% 5,6% 5,5%

Wahlübergreifend zusammengefasst

Institut
Lager / Koalition Allensbach Emnid Forsa Forschungsgruppe Wahlen Infratest dimap Mittelwert aller Institute
Mittelwert / 3 (pro Wahl)
FDP + Grüne + Linke -2,2% -7,2% -9,5% -7,7% -3,5% -6,0% -2,0%
SPD + FDP -2,5% -5,0% -4,0% -3,5% -3,5% -3,7% -1,2%
SPD + Grüne -6,0% -3,5% -3,5% -3,5% -2,5% -3,8% -1,3%
SPD + Grüne + Linke -5,9% -4,4% -4,7% -4,4% -2,2% -4,3% -1,4%
Union + FDP 6,3% 5,3% 4,3% 3,3% 3,8% 4,6% -1,5%
Union + Grüne 2,8% 6,8% 4,8% 3,3% 4,8% 4,5% -1,5%
Union + SPD 2,8% 8,1% 9,1% 6,6% 5,1% 6,3% -2,1%

Analyse

Folgendes lässt sich schlussfolgern:

  • Es gibt kein Lager, dass in der Summe wirklich ausgeglichen geschätzt wird. Immerhin die größte Tendenz hierzu weist interessanterweise die sozialliberale Option auf, die Durchschnittsabweichung beträgt, auf eine Wahl heruntergerechnet, immer noch mehr als einen Prozentpunkt.
  • Die kleinen Parteien werden eher unter- als überschätzt. Nur zwei Mal (Allensbach und Infratest im Jahr 2002) prognostizierten Institute zu hohe Werte, 1998 lagen die Schätzungen merkbar, 2005 erheblich zu weit unten, und 2002 gab es beinahe eine Punktladung im Mittelwert. Besonders schlecht bewertet Forsa die Aussichten für kleine Parteien.
  • Die großen Parteien werden im Durchschnitt leicht überbewertet, besonders von Emnid und Forsa.
  • Die drei in weitester Definition linken Parteien werden im Durchschnitt immer unterschätzt, die einzigen Ausnahmen bilden Forsa 1998 sowie die Forschungsgruppe Wahlen und Infratest Dimap 2002. Allensbach ist aus linker Perspektive am pessimistischsten.
  • Rot-grün ohne die Linken wird ebenfalls unterschätzt, und das sehr konstant – 2002 war die durchschnittliche Abweichung der Prognosen fast identisch mit der von 1998, 2005 stärker, aber weniger stark als die gesamte linke Gruppierung. Einzige Nicht-Unterschätzung: Forsa 1998. Wieder ist Allensbach Motivationskiller Nummer Eins, diesmal mit deutlicherem Abstand vor allen anderen Instituten.

Für alle anderen Lager gibt es keine institutsübergreifenden Tendenzen. Aber:

  • Allensbach ist das einzige Institut, das durchgängig schwarz-gelb zu stark einschätzt, 2005 war die Überbewertung auch zusammen mit Forsa die höchste aller Institute.
  • Die Forschungsgruppe Wahlen hat als einziges Institut die Volksparteien in den letzten drei Wahlen nicht unterschätzt.

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