Monthly Archives: August 2009

Hohe Wahlbeteiligung – wer profitiert?

Hinweis: Dieser Artikel beschäftigt sich – im Vorfeld der Bundestagswahl 2009 – mit der Korrelation von Wahlbeteiligung und Ergebnissen. Hier ist der entsprechende Beitrag im Rahmen der Bundestagswahl-Nachlese.

Wahlbeteiligungen werden oft als Indikator für die Brisanz eines Themas oder für Politikverdrossenheit genommen. Bei Bundestagswahlen ist der Anteil derer, die ihre Stimme abgeben, traditionell hoch – und es hat hier in den letzten Jahren dennoch einige Schwankungen gegeben.

Überspringbare Blaschwafelerklärung zu den Begriffen

Die Korrelation ist eine statistische Funktion, die überprüft, inwieweit eine Wertegruppe (in dem Fall die Wahlbeteiligung) mit einer anderen (also das Wahlergebnis einer bestimmten Partei) korreliert, also inwieweit eine x-y-Zuordnung möglich ist. Die Zahlen liegen grundsätzlich zwischen -1 und 1. 0 deutet dabei auf absolut keine [Update: linearen] Zusammenhänge hin, 1 auf eine absolut linear gleiche Entwicklung, -1 auf eine lineare entgegengesetzte [lineare] Entwicklung. Werte deutlich über 0,5 gelten als signifikant, also als tatsächlich relevante Korrelationen. Das Bestimmtsheitsmaß ist das Quadrat davon und, in Prozent angegeben, ein Indikator dafür, wie stark zwei Wertgruppen miteinander zusammenhängen. Continue reading Hohe Wahlbeteiligung – wer profitiert?

Was lässt sich aus Landtagswahlen ableiten?

Gerade während dieser Tage liest man häufig davon, dass die sonntäglichen Landtagswahlen in Sachsen (aktuelle Umfragen), Saarland (aktuelle Umfragen) und Thüringen (aktuelle Umfragen) die letzten großen Stimmungstests seien, dass günstige oder ungünstige Wahlergebnisse die eine oder andere Partei be- oder entflügeln könnten. Das klingt plausibel, denn oft haben Landtagswahlergebnissen zumindest eine bundespolitische Tönung.

Aber ist oft denn oft genug? Der folgende Beitrag analysiert, inwieweit die letzten im jeweiligen Jahr vor der Bundestagswahl durchgeführten Landtagswahlen tatsächlich ein Indikator für das spätere Abschneiden waren. Continue reading Was lässt sich aus Landtagswahlen ableiten?

Vom Mythos, dass Große Koalitionen den politischen Rand stärken

Jetzt ist er wieder in aller Munde und Content-Management-Systeme, der bereits 2005 gebetsgemühlte Satz, dass große Koalitionen schlecht seien, weil sie mangels innerparlamentarischer Opposition den politischen Rand stärken. Wieso hat 2005 eigentlich dabei schon jemand von Koalitionen gesprochen? Es gab bis dato exakt eine auf Bundsebene, und man muss nichtmal den Sitzschein in Methoden empirischer Sozialforschung zu haben, um zu ahnen, dass das eine vergleichsweise dünne Datenbasis ist.

Nun könnte es 2009 berechtigt sein, immerhin haben wir nun schon eine zweite GroKo, und damit sind die politischen Ränder… nun ja… äh.. weitgehend bedeutungslos. In keiner bundesweiten Umfrage der letzten Zeit sind die rechtsextremen Parteien aufgetaucht, und die gegenwärtig 4,5% für die NPD in Sachsen entsprechen der Hälfte dessen, was die Partei bei den letzten Landtagswahlen holte – damals unter rot-grüner Bundes- und CDU-Landesregierung. Selbst wer die Linkspartei als radikal betrachtet, kommt nicht um die Feststellung, dass ihr Aufstieg 2005 erfolgt und weniger mit einer künftigen GroKo und mehr mit gesellschaftlicher Frustration verknüpft war.

Also: Große Koaltionen sind definitiv nicht das Triebmittel für politische Radikale. Das hat eine Reihe von Gründen. Continue reading Vom Mythos, dass Große Koalitionen den politischen Rand stärken

Die deutschen Swing States

In den USA und Großbritannien gilt das so genannte Mehrheitswahlrecht: Wer in einem Wahlkreis oder Staat die Mehrheit einsackt, gewinnt diesen komplett für sich. Abba hat darüber sogar einen Song geschrieben.

Dadurch lohnt es sich, die Kampagnenaktivitäten auf genau die Staaten zu konzentrieren, in denen man die Mehrheit erringen kann, sie aber nicht zwangsläufig sicher hat – weswegen für Demokraten in den USA etwa Kalifornien und New York (sichere Bänke) und Texas (gewinnt eh der Republikaner) kaum interessant sind. Swing States wie Ohio oder Florida stehen im Zentrum der Aufmerksamkeit.

So ist es in Deutschland einerseits nicht. Weil die Zweitstimmen im Verhältniswahlrecht vergeben werden, gilt: Mehr Stimmen – mehr Sitze. (Über die Rolle der Erststimmen an anderer Stelle.)

Doch das stilistisch nötige andererseits kommt erst jetzt: Denn wenngleich Zweitstimmen proportional in Sitze umgewandelt werden, lohnt eine Untersuchung, wo die Wähler denn besonders häufig ihre Stimme wechseln. Sollte sich etwa herausstellen, dass in Mecklenburg-Vorpommern eh nur drei Leute das Kreuz wechseln, wird eine Kampagnenführung dort weitaus weniger interessant. Und würden stattdessen in Schleswig-Holstein die Wähler in Scharen wechseln, so lohnt es sich, hier besonders intensiv (und effektiv) zu werben. Continue reading Die deutschen Swing States

Deutschland – eine Fernsehdemokratie? Der Einfluss von TV-Duellen (1)

n den USA gab es sie erstmals 1960 zwischen Kennedy und Nixon: Duelle zwischen den zwei chancenreichen Präsidentschaftskandidaten. Die erste der vier Debatten dieses Jahres gilt als Paradebeispiel für den Triumph des äußeren über die politische Sache, als Anfang des durch und durch in Fernsehbilder getränkten Wahlkampfes.

Doch das Recherche-Warndreieck blinkt selbst bei oberflächlicher Analyse schnell: Es waren besonders die Zeitungen, welche sich über Nixons Aussehen mockierten. So wie übrigens auch 1976 – erst dann fand das nächste Duell statt -, als Gerald Fords Aussage, die Sowjetunion sei in Osteuropa ohne Einfluss, in den anderen (lies: gedruckten) Medien mehrfach wiedergekäut wurde.

In diesem Jahr – 1976 – began auch das Rundherumsofortanalysieren mit Zustimmungs- und Ablehnungsgraphen, die von den Demoskopie-Seismologen zum Zucken gebracht werden.

Analyse: Methodisches Vorgehen

Warum diese lange Einleitung? Weil die Vermutung nahe liegt, dass nicht nur das Fernsehduell selbst, sondern auch die anschließende Berichterstattung darüber entscheidend für die Resonanz in der Bevöllkerung ist. Keine These, die ein sonderlich emanzipiertes Kommunikationsmodell beschreibt, aber durchaus wahrscheinlich. Continue reading Deutschland – eine Fernsehdemokratie? Der Einfluss von TV-Duellen (1)

Kann die SPD die Bundestagswahl 2009 noch gewinnen?

Nachdem die letzten Beiträge eher dazu dienten, grundsätzliche Tendenzen der Institute aufzuspüren und ihre Genauigkeit in der Summe zu bewerten, verbodenständigen sich jetzt die Fragen.

Die SPD gilt als die Partei der Wahlkämpfe – 1998, 2002 und 2005 hat die Kampagnenführung für gute oder zumindest nicht gar so finstere Ergebnisse gesorgt.

Bis jetzt, sechs Wochen vor der Wahl, sieht man davor nichts, Stefan Niggemeier fordert sogar, dass man sich einfach darauf einigen sollte, schwarz-gelb gewinnen zu lassen, damit das Wahlkampfelend endet. Hat er recht? Statistisch gesehen: nicht. Praktisch: Ja.

Das Aufholpotenzial der SPD

Es sind jetzt noch knapp sechs Wochen bis zur Wahl. Wenn wir uns das jeweils schlechteste SPD-Resultat anschauen, dass zu diesem Zeitpunkt von einem Umfrageinstut prognistiziert wurde, ergibt sich das folgende Bild: Continue reading Kann die SPD die Bundestagswahl 2009 noch gewinnen?

Abweichungen absolut: Wer ist am genauesten? Wer hat für welche Partei die besten Prognosen?

In den bisherigen Analysen haben wir uns nicht nur mit den Größen, sondern auch mit den Tendenzen der Abweichungen befasst. Sinn dieser Analyse soll es dagegen sein, tatsächlich einfach zu schauen, welches Institut insgesamt die genauesten Vorhersagen trifft.

Dazu zunächst einmal eine Tabelle, in der einfach die absoluten Abweichungen der jeweiligen Partien summiert werden (also eine Addition der Beträge der Differenz Wahlergebnis – Vorhersage). Das Resultat noch einmal deutlich den Ausreißer für 2005. Während sich die Demoskopen für 1998 und 2002 um je 1 Prozentpunkt je Partei verschätzten, verdoppelte sich die Abweichung 2005, primär aufgrund der immensen Überbewertung der Union und immer noch deutlich zu schwachen Prognose für die FDP. Continue reading Abweichungen absolut: Wer ist am genauesten? Wer hat für welche Partei die besten Prognosen?

Analyse: Fehler lagerübergreifend ausgeglichen?

Bei der letzten Analyse der Umfrageinstitutsfehler hat sich ergeben, dass mit Ausnahme einer durchgehenden Unterbewertung der Grünen und sehr unionsfreundlicher Prognosen keine Gesetzmäßigkeiten schlussfolgern lassen. Allerdings lohnt es sich, zu untersuchen, ob Fehler, wenn nicht parteiübergreifend, so doch innerhalb bestimmter Lager oder anderer Klassifikationen auftreten.

Ausgewählte Gruppierungen

Ich betrachte daher heute die entstandenen Fehler für 1998, 2002 und 2005, jeweils anhand der letzten veröffentlichten Ergebnisse vor der Bundestagswahl, für die folgenden Gruppierungen: Continue reading Analyse: Fehler lagerübergreifend ausgeglichen?

Fünfhundertachtundneunzig

Spätestens durch Stefan Niggemeier kennt ja doch jeder fivethirtyeight.com, wo Nate Silver die letzten US-Präsidentschaftswahlen anhand akribischer statischer Methoden prognostiziert und simuliert hat. Tatsächlich traf er das finale Ergebnis außerordentlich genau, nachdem er schon vorher viele vermeintlich professionelle Wahlbeobachter und ihre Umfragen geigelhast hatte. Die namensgebende Zahl 538 bezieht sich auf den Präsidenten wählenden Elektoren, und mehr Information gibt’s nebenan bei der Wikipedia.

Nicht alles anders machen

So etwas wie fivethirtyeight wird das hier nicht. Zum anderen, weil Datenlage und Zeit für mich leider anders sind.

Und zum einen, weil das deutsche Wahlrecht, sieht man von den voraussichtlich überreichlichen Überhangmandaten ab, genau die spannende Bundesland-nach-Bundesland-Analyse wenig erquicklich macht. Ob sich beim hiesigen Wahlrecht Landeslisten etwa untereinander verschieben wie 2005 bei der FDP, ist en detail in Simulationen weitaus weniger lohnenswert zu erörtern als das Durchrattern eines Algorithmus, der 10.000 mal jeden Staatsbürger wählen lasst und davon die Elektoren des jeweiligen Staates komplett abhängig macht. Continue reading Fünfhundertachtundneunzig